Zwischen Buchproduktion und Buchmesse

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Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse. Letzte Woche saß ich noch an Büchern der Herbstproduktion. Es ist jedes Jahr ähnlich. Geplant ist, in Ruhe ein Buch nach dem anderen zu gestalten und druckfertig zu machen. Doch dann kommt alles später an als eingeplant, bei der Produktion tauchen unerwartete Fallen auf, und so entsteht doch nicht ein Buch nach dem anderen, sondern mehrere parallel, und alle werden später in Druck gegeben als geplant – im Moment bangen wir noch, ob die Druckerei, die am Ende der Kette aus Verzögerungen steht , es wieder einmal schafft, die Bücher zur Messe anzuliefern.
Eine der Verzögerungsfallen bin ich selbst. Beim „heimlichen Auge“ beispielsweise. Zwischen zwei Jahrbüchern sammeln sich die Beiträge, es kommt viel zusammen, teils von Autoren und Künstlern, die wir einladen, teils aus den vielen Zusendungen und in diesem Jahr zusätzlich noch aus einem Schreibwettbewerb. Eine ungeheure Menge an Material, in Vorauswahlordnern gespeichert. Ich sammle zusätzlich Zeitungsartikel rund ums Thema Liebesleben, Erotik, Sex, die ja nicht außerhalb des anderen Weltgeschehens stattfinden, und mache mir Notizen, was im Vorwort vielleicht wichtig sein könnte zu erwähnen. Ich wünsche mir das Vorwort als Mischung aus allgemeinen Bemerkungen zum erotischen Jahrbuch und konkreten, durchaus politisch angehauchten Beobachtungen zum Zeitgeschehen, eingebettet in Persönliches. Eigentlich sollte ich das Vorwort schon im Sommer schreiben. Andererseits möchte ich warten, um das konkrete Jahrbuch im Hinterkopf zu haben, wenn ich formuliere. Was aber wirklich eingebaut wird, weiß ich immer erst am Schluss des Entstehungsprozesses. Wochen vorher haben wir Texte gelesen und Bilder angesehen und vorsortiert in „Ja“-, „Eventuell“- und „Nein“-Ordner, doch es ist immer noch viel zu viel Material für ein Jahrbuch, wenn ich beginne, Texte und Bilder zusammenzubauen, und natürlich arbeite ich nicht alleine an der Zusammenstellung. Ich sitze in der endlos erscheinenden Zeit und Ruhe von Nächten, füge Bilder und Texte zusammen (dann die Bilder druckfertig einrichten und die eingebauten Texte zur Korrektur schicken), Reihenfolgen ergeben sich, Zusammenhänge entstehen, oft anders, als ich sie mir ausgedacht hatte, vielleicht entfernt vergleichbar damit, einen Roman zu schreiben: Es gibt eine Idee, Abläufe, Spannungsbögen, und konkrete Situationen, die die Autorin/der Autor einfügen möchte, sind notiert – und doch entwickelt sich der Text beim Schreiben wie selbstständig und anders als geplant.
Wie schnell Nächte dabei vergehen. Morgens kommt Mitarbeiterin Sunita, wir sehen gemeinsam die gebauten Strecken an und korrigieren, fügen andere Bilder ein, Abläufe ändern sich wieder. Es ist für das Jahrbuch wichtig, dass unterschiedliche Generationen und unterschiedliche Blicke an der Auswahl und Zusammenstellung beteiligt sind.
Irgendwann ist fertig gebaut. Dann beginnt die Überarbeitung des Ganzen, wie beim Roman. Gleichzeitig droht der Termin Buchmesse. Die Zeit wird knapp. Und wie jedes Mal, sobald ich in die Druckerei abgegeben habe, fallen mir gute Texte und Bilder auf, die sich im Ablaufbauen nicht gezeigt haben, weil ich diese Ordner nicht angeklickt hatte – und am liebsten würde ich weiter umbauen, weiter formen, denn sicher gäbe es bessere Lösungen für die eine oder andere Stelle im Buch als die jeweils eingefügten Texte oder Bilder, vielleicht Besseres, mir kommt etwas Fertiges plötzlich furchtbar langweilig vor. Manche Bilder und Texte sind nur deshalb drin, weil sie etwas dokumentieren. Und ich frage mich, ob ich nicht lieber schnell noch tauschen sollte gegen bessere literarische Qualität usw.
Das Vorwort formuliere ich also immer erst am Schluss, und damit verzögere ich selbst die Abgabe noch einmal. Denn auch das Vorwort braucht seine Zeit und ein lektorierendes Auge, in meinem Fall das von Regina Nössler, auch ich brauche Abstand, um es nach nächtlichen Diskussionen umzuformulieren, Missverständliches klarer zu machen oder zu streichen, und so fließt immer zum Schluss auch noch etwas der Beobachtungen der Lektorin ein, beispielsweise in diesem Vorwort über das Lesen von Tageszeitungen. (Was Tageszeitungen mit Erotik zu tun haben, lasse ich offen.) Natürlich fällt mir nach Abgabe auch noch eine vergessene Vorwortidee ins Auge.
Doch inzwischen freue ich mich über die vergessenen Bilder, Texte und Ideen: sie sind schon im Ordner für Auge 31 gespeichert. Die Zukunft eröffnet sich.
Das Auge ist also abgegeben, sehr knapp für den Termin Messe. Die Seiten sind freigegeben. Die Druckerei lässt keine Korrekturen mehr zu, wenn ich den Termin nicht gefährden möchte. Doch auch die runde Ausgabe 30 soll zur Buchmesse erscheinen, wie alle anderen. Von der Nummer eins hatten wir nur ein einziges Exemplar da, es hing an einer Kette an einer Säule neben unserem Stand. Noch heute habe ich die Gesichter vor Augen, die heimlich darin blätterten, es hatte sich auf der Messe wie ein Blitz herumgesprochen, dass da dieses Buch mit „heimlichen“ Texten und Bildern aus der Schublade teils bekannter KünstlerInnen und AutorInnen hing. Und sehr bekannte Gesichter blätterten – das wurde nicht heimlich per Smartphone o.Ä. dokumentiert – das gab’s damals noch nicht.
So konnte ich den vor ein paar Tagen aus dem Augenwinkel entdeckten Fehler nicht mehr korrigieren. Ein Bild, das ich mochte und deshalb besonders groß im Vorwort habe, hatte ich vergessen auszutauschen in die druckaufgelöste Variante. Schrecklich verpixelt wird es jetzt aussehen.
Während des Augebauens ging übrigens auch der neue Roman von Regina Nössler „Endlich daheim“ auf den Druckserver. Obwohl gründlich lektoriert und mehrmals korrigiert, hatte ich aus dem Augenwinkel noch bei Abgabe einen dieser verflixten Trennungsfehler entdeckt, die das automatische Trennprogramm macht – den aber noch korrigieren können. Das Einrichten dieses Romans passte übrigens sehr gut zu den durchmachten Nächten, denn die Protagonistin steht vor ihrer Haustür in Berlin, der Schlüssel passt nicht mehr, ihr Name steht nicht mehr auf der Klingel, und eine Odyssee durch die Nachtseiten von Berlin beginnt. Ich fühle mich in den durchgemachten Augenächten auch sehr unwirklich.
Eine der höllischsten Fallen tat sich übrigens beim Einrichten des Nachdrucks des Buchs über die Insel La Palma von Ines Dietrich auf.
16 Seiten mit weiteren Spaziergängen oder Festen und Pflanzen wurden ergänzend eingefügt, eine Seite hier, 2 Seiten 50 Seiten später usw., am Schluss sind es 16. Weil wir noch auf ein Foto warteten, verschob sich die Fertigstellung auf knapp vor der Messe – und dann der Schrecken. Das Problem war zwar vorhersehbar, aber nicht sein konkretes Ausmaß. Es gibt ein Register mit Pflanzennamen, Orten etc. 4 Seiten eng bedruckt von A bis Z. Durch die Einfügungen änderten sich die Seitenzahlen. Ich dachte, ich würde wahnsinnig, als ich versuchte, das manuell zu ändern. Ab S. 60 + 1 Seite – ab Seite 150 + 3 Seiten usw., bis zum Schluss 16 zur Originalseitenzahl hinzugefügt würde.
Dank eine Spaziergangs – gehen und nicht denken, in die Weite des Herbsthimmels und auf sanft gewellte Landschaft der schwäbischen Alb schauen – kam mir die rettende Idee, wie ich es doch halb automatisch machen konnte!
So wurde auch dieses Buch noch abgegeben.
Dank der letzten der durchgemachten Augenächte konnte ich übrigens bei eisklarem, fast durchsichtig schwarzem Himmel diese besondere Mondfinsternis sehen: den roten Mond, wie er verschwand, und das Schwarz über ihm von rotem Leuchten umgeben, unheimlich und schön, und als er wieder da war, wurde der Himmel dunkelgrün.
Claudia Gehrke

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