Zeigen und Schauen

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Als er die Treppe herunterkam, stockte mir der Atem: da ist er! Auf ihn hatte ich gewartet, und da kam er in den Hinterhof stolziert, frech, dabei etwas unsicher, jedenfalls ganz er selbst. Sehr groß, eher lang als groß, sehr sexy, lange, mit dichtem Flaum bedeckte Beine, Flaum, der im Sonnenlicht kupfern schimmerte. Die Beine ragten aus nachlässig abgeschnittenen Jeans heraus, an den Füßen trug er weiße Socken und Birkenstocksandalen. Was für ein Junge, dachte ich, was für ein Kerl: so selbstbewusst, dass er es sich leistete, zu SM-Accessoires, wie den Lederbändern um den Hals und am Handgelenk, solche Gesundheitsschuhe zu tragen. Dies alles ging mir in den ersten Sekunden durch den Kopf. Obwohl es einige Jahre her ist, habe ich noch jedes Detail seiner Erscheinung genau vor mir. Die ausgewachsenen Haare, den rötlichen Bart, der damals noch so gar nicht in Mode war, und die Augen, die Augen – ich ließ mich einfach ganz in seinen großen dunklen Augen versinken, nachdem er sich uns gegenüber hingesetzt hatte, hemmungslos starrte ich ihn an und sagte kein Wort. Später sagte er mir, ich hätte vollkommen ausdruckslos geschaut, er habe überhaupt nicht gewusst, was wohl in mir vor sich ging. Nichts – nichts ging in mir vor, ich war vollkommen still, ganz im Augenblick, dachte nichts, schaute nur, war einfach da und war glücklich. Und habe mich nicht geirrt, wie unsere Geschichte zeigt.
O dear! Let’s go crazy! Wie junge Hunde tollten wir – und gleich am ersten Tag war der Impuls da, kreativ zu werden, das Schauen allein reichte nicht, ich musste ihn fotografieren, später zeichnen und malen – und er ließ es freudig geschehen. Zeigte sich gerne, fand durch mein Schauen immer mehr seinen Ausdruck, entwickelte und steigerte sich, wurde immer schöner und männlicher. Mein liebender Blick forderte ihn heraus, seine besten Seiten zu entwickeln. Der Künstler und sein Muserich. Eine glückliche Verbindung: einer, der es liebt zu schauen – und einer, der sich gerne zeigt, der vor der Kamera immer mehr seine Form findet und über sich hinauswächst. Der alles sein kann: ein lieber Junge, treu wie ein Schäferhund – ein arroganter überheblicher Kerl – ein Held – ein Opfertier – durchgeknallt – sanft – besessen – aggressiv – saugeil – still – kühl und fremd – schön wie eine Statue – bis ich schließlich Angst bekam, durch mein über Jahre fortgesetztes Fotografieren, Inszenieren und Gestalten einen übertriebenen Narzissmus in ihm zu fördern und dazu beizutragen, dass er wirklich überheblich und selbstherrlich würde. Diese Momente gab es sicherlich – zum Glück relativiert und gemildert durch seine schöne Seele.
Bis er keine Lust mehr hatte, sich fotografieren zu lassen. Sagte, wie anstrengend er es oft fände, still zu stehen, auf Zuruf einen ganz bestimmten Ausdruck zu halten, beobachtet zu werden. Und plötzlich muss ich still stehen, lachen, hierhin und dorthin schauen – und werde fotografiert. Das Spiel dreht sich um – und ich denke mir, das ist ganz gesund. Freue mich, sein Modell zu sein, auch wenn ich es anstrengend finde und unsicher bin. Freue mich über Bilder, auf denen ich mir gefalle.
Zeigen und schauen – unsere Sexualität war immer stark an den Blick gebunden, an das Visuelle, die Kleidung. Die Fotos und Zeichnungen sind ein wichtiger Teil unserer Liebe, sie sind ganz konkrete Aphrodisiaka. Bilder machen uns an. Und entwickeln gleichzeitig ihr Eigenleben. So entsteht ein Wechselspiel zwischen der Realität und den Bildern. Die Bilder werden selbst eine neue Art Realität, die auch unabhängig von uns existieren kann. Sie werden ausgestellt und verkauft. Ein Ausstellungsbesucher in Amsterdam kaufte gleich mehrere dieser Gemälde und Fotos, die ich von ihm gemacht habe. Auf einem lebensgroßen Goldbild lächelt er keck, mit heruntergelassener Hose in unserer Küchentür stehend und rauchend. Der Anlass dieses Bildes war ein sehr privater, intimer Augenblick. Auch die Fotos sind sehr privat – und zugleich öffentlich. Und hängen jetzt in der Wohnung eines Menschen, den wir nicht kennen und dem mein Liebster offenbar sehr gut gefällt, auf den Bildern jedenfalls. Ob wir uns mit dem Menschen verstehen würden? Ich denke: wir, denn es betrifft ja uns beide, das Modell und den Künstler. Seltsamerweise hat es weder ihm noch mir jemals viel ausgemacht, wenn die Bilder uns verlassen haben und ihren eigenen Weg gingen. Es hat auch unserer Beziehung nicht geschadet, dass wir so viele intime Momente öffentlich gemacht haben. Unsere Liebe ist davon unberührt – oder noch besser: sie wird dadurch gesteigert. Wird facettenreicher. Auch filmischer, wie ein großer verfilmter Liebesroman.
Rinaldo Hopf

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