Willkommen im Lustmolchcamp?

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Ein Praktikumsbericht aus dem konkursbuch Verlag

Cover von halb nackten bzw. nackten Frauen und Männern, die sich in sexuell aufreizenden Posen ablichten ließen – Menschen beider Geschlechter, aus allen Altersgruppen, unterschiedlicher sozialer Herkunft, ethnischer Gruppen und sexueller Orientierungen berichten über ihre Erlebnisse, Wünsche, Begierden, Beziehungsleben, aber auch über ihre Frustration und Enttäuschung in Bezug auf das Thema Sex. – Wo bin ich da nur reingeraten?
Das waren meine Gedanken, als ich meinen ersten Praktikumstag im konkursbuch Verlag erlebte, nachdem ich eine unverhofft schnelle Zusage als Praktikant Anfang Januar erhalten hatte. Natürlich hatte ich mich vorher über Google und andere Suchmaschinen im Internet, wie es meine Generation zu tun pflegt, über die Geschichte, das Literaturverzeichnis und so weiter informiert. Ich wusste folglich, was mich erwartete, aber ich hatte mir offensichtlich nicht genug Vorstellungen davon gemacht.
Insofern war es für mich, als jemand, der in seinem normalen Studien- und Arbeitsleben mit dieser Thematik nicht konfrontiert wird, ein Sprung ins kalte Wasser. Aber nach den ersten paar Momenten in dieser neuen ungewohnten Umgebung wich meine anfängliche Irritation und machte meiner Neugier Platz.
Meine Arbeit bestand zunächst aus dem Lektorieren der Shortstorys eines bald erscheinenden Buches, was sich aber nicht nur mit der Thematik „Sex“ auseinandersetzte – Sex war hier nur ein Thema von vielen. Mir wurde damit gezeigt, dass der konkursbuch Verlag viel mehr verlegt als erotische Literatur. Die Thriller-Reihe, die japanischen Romane und die La-Palma-Literatur sind ebenso tragende Pfeiler.
Nichtsdestotrotz ist die erotische Literatur das Fundament des Verlags, aber sie dient nicht nur der animalischen Stimulierung von alten einsamen Männern, wie es ein Freund in einer Bemerkung entgegnete: „Du arbeitest in einem erotischen Verlag? Dann verdienst du an den ekligen Gelüsten alter Lustmolche!“
Das erotische Sortiment des Verlages ist viel mehr als eine plumpe Darstellung und Stilisierung des Themas „Sex“ für sexuell unbefriedigte alleinstehende Männer im fortgeschrittenen Alter. In den verschiedenen Buchreihen und Einzelerscheinungen werden der Umgang mit Sexualität in unserer Gesellschaft, Glücksfindung in einer Beziehung durch guten Sex, Ausleben der eigenen Wünsche und der des Partners oder auch sexuelle Emanzipation thematisiert und damit auch Ratschläge gegeben. Würde man etwa ein Ratgeberbuch zur Glücksfindung, das den Lesern hilft, ihr Leben zu verbessern, ohne es gelesen zu haben, automatisch als „nutzlosen Schund“ verdammen? Für die, die diese Frage verneinen, kann ich nur empfehlen, sich mit dem Gesamtverzeichnis des Verlags vertraut zu machen und ihren Horizont zu erweitern. Die, die diese Frage bejaht haben, sollten ihre Einstellungen noch einmal überdenken.
Matthias

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