Warten

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Der Bus kommt gleich. Mann mit Hund. Mädchen mit Handy. Frau mit rosa Einkaufsbeutel. Freundinnen, die sich den Hals verrenken und angestrengt links die Straße entlangblicken, als ließe sich der Bus herbeischauen. Zwei Männer. Einer raucht. Sie warten. Sie schauen auf die Armbanduhr, sagen irgendwas, zücken ihr Handy, vergleichen die Uhrzeit. Sie prüfen noch einmal, die Stirn gerunzelt, den Aushang mit den Abfahrtszeiten. Sie schütteln den Kopf. Was sie tun oder nicht, Kaugummi kauen, Kippe austreten, was sie vor oder hinter sich haben, Prüfung, Kummer, Besuch bei Oma, Geldsorgen, sie warten an der Haltestelle, als hätten sie nie etwas anderes getan. Warten ist das erste, was ich begreife. Warten ist das Letzte. Nicht auffallen, niemandem gefallen. Warten macht uns alle ähnlich. Man verkörpert sich in der eigenen Ungeduld, wenn man die Leute an der Haltestelle gegenüber warten sieht und fast so was wie Genugtuung empfindet, wenn man sich vorsichtig ablenkt, den Kaugummi etwas schneller kaut, einen Blick in die Tasche wirft, das Buch rausholt, liest. Die Sätze lösen sich im Stoff des Wartens auf. Warten, ein Monolog in den Zeichen der gehorsamen Ungeduld. Wir vertreten uns zaghaft die Beine. Der Hund steht ergeben da. Wir warten. Der Bus kommt bestimmt. Hat wohl schon wieder Verspätung. Kann man nichts machen. Wir stehen still und schütteln die Köpfe und sehen irgendwohin. Wir sehen und hören Autos vorbeifahren, in beide Richtungen, eins am anderen. Ein Kind schreit. Auf der anderen Straßenseite fährt der Bus heran, hält. Leute steigen aus. Die, die da eben noch gewartet haben, steigen ein. Wir gucken und reden leise und sagen nichts. Wir warten.
Sigrun Casper

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