Verlagsfamilien und vernachlässigte Maschinenkinder

| Keine Kommentare

Am Wochenende fand das jährliche Verlags-Vorweihnachtsessen statt. In dem Kochbuch, das ich seit Ewigkeiten nutze und handschriftlich um eigene bzw. mütterliche Rezepte ergänzt habe, fand ich einen Zettel. Auf der einen Seite ein altes Familienrezept für einen Nachtisch und auf der anderen Notizen zur Anmoderation von Autorinnen bei unserer Verlagsrevue Love Bites, die immer auch in dieser Jahreszeit stattfindet. Während ich das Essen vorbereitete, dachte ich, angeregt von diesem alten Zettel, über die Moderation der nächsten Love Bites nach. „Regina, Wahrheit oder Pflicht, anmoderieren“ stand da in erstaunlich lesbarer Handschrift, meine heutige Schrift kann ich schlechter lesen, und danach eine Liste: „Pubertät – Ambivalenzen – peinliche Situationen, Körperliches betreffend – dauernd (unglücklich) verliebt sein – Pannen beim Sex – das mütterliche ‚Ich weiß, was gut für dich ist!‘ auch in Beziehungen (Strafe).“ Dass ich sogar beim Kochen an den Verlag denke, ist typisch für die Rolle einer Verlegerin. Neben der Lust am Büchermachen, der Überzeugung, dass Bücher, die wir verlegen, anderen Vergnügen bereiten und etwas vermitteln können, neben den Bemühungen um schön gestaltete und lektorierte Bücher und neben manchen qualvollen buchhalterischen und organisatorischen Arbeiten hat das Verlegersein etwas „Mütterliches“.
Es gab einmal ein Insider-Buch mit Texten von VerlegerInnen unabhängiger Verlage. In nahezu allen Texten fanden sich Formulierungen, die sich auch in Beschreibungen der „klassischen“ Mutterrolle in Familienstrukturen finden lassen, ob vom Verleger eines größeren Wissenschaftsverlags über seinen Umgang mit Autoren – Theologie- und Juraprofessoren – oder von der Verlegerin eines winzigen Literaturverlags. Wir müssen gleichzeitig vieles im Auge behalten, uns bemühen, wie Mütter den Schnupfen der Töchter schon zu bemerken, bevor er überhaupt auftritt, Dinge wahrnehmen, ohne direkt hinzusehen, wir müssen loben und dosiert schimpfen und Unbill fernhalten (also manchmal ganz schlechte Rezensionen nicht weiterleiten, sondern nur die guten oder wenigstens akzeptablen), wir müssen Streite taktisch schlichten oder besser noch verhindern. Es gibt eine überschaubare Kernfamilie mit den AutorInnen, die schon lange im Verlag sind und ihn aktiv mitgestalten, und es gibt „Gastkinder“, die nur wenige oder einzelne Bücher bei uns machen; es gibt unkomplizierte Kinder, nörgelnde Kinder, Kinder, die sehr selbstständig sind, es gibt Kinder, um die man sich Sorgen machen muss, und solche, in die man sich verliebt, aber Mütter sollten dem Verliebtheitsgefühl nicht zu sehr nachgehen, sollten möglichst gerecht sein, das ist nicht einfach. Sie müssen auch aufpassen, sich nicht zu mütterlich zu verhalten, nicht zu manipulierend im Sinne von „ich weiß, was gut für dich ist“ zu agieren.
In diesem Jahr bekommt mir die mütterliche Rolle nicht. Würde ich an Beseelung von Dingen und Maschinen glauben, dann wäre eine Revolte in Gang, ein Aufstand gegen mich. Ein paar Tage vor dem oben erwähnten Essen lief meine Spülmaschine aus. Sie ist also nicht mehr benutzbar, Kundendienst konnte nicht so kurzfristig. Dann wollte ich staubsaugen, bevor die Gäste kamen, der Staubsauger gab seinen Geist auf. Es roch ekelhaft, nach verbranntem Gummi. Als ich das Licht im Gästeschlafzimmer einschaltete, um die Betten zu beziehen, sprang die Sicherung raus. Die Birne war hinüber. Ich war sicher, es wäre eine LED gewesen, und fluchte, dass es wohl nicht stimme, dass die lange halten. Dass irgendwer Geschäfte mache, wie zuvor mit den quecksilberhaltigen Sparleuchten samt Entsorgungsproblem und wie mit der Hausdämmung. Aber es war doch noch eine von früher, ohne Energieeffizienz. Es war Sonntag, Totensonntag. Ich fand keine in die Fassung passende Ersatzbirne. Die Gäste mussten mit der Stehlampe aus dem Büro vorlieb nehmen.
Ein wenig glaubt vielleicht jeder an einen Eigenwillen von Maschinen. Jeder, der mit PC arbeitet, hat sein Gerät vermutlich schon einmal beschimpft, als wäre es ein enger Partner, ein Mensch, ein Freund, eine Freundin, die Mist gemacht haben. Natürlich lässt sich (fast) jeder Maschinenfehler erklären, oft geht ein eigener Fehler voran. Trotzdem kommen mir Gedanken wie: Was nehmen sie mir übel? Vielleicht, dass ich sie nicht regelmäßig benutze? Dass ich monatelang unterwegs bin, demnächst wieder auf La Palma, wo es vier Veranstaltungen mit unseren kanarischen Büchern geben wird. Und gleich nach diesem Essen reise ich nach Berlin zum kanarischen Leseabend und zu Love Bites, deren Moderation ich mir dank historischem Kochbuchzettel ja schon ausgedacht habe. Oder wollen sie mir mitteilen, dass ich weniger „mütterlich“ sein, öfter „nein“ sagen, nicht immer für alle da sein und weniger Bücher machen sollte?
Alle sind wichtig, die engen Verlagsfamilienangehörigen und die Kurzzeit-Gäste.
Während ich jetzt meditativ mit der Hand spüle, denke ich, dass das Kaputtgehen der Geräte mir schon etwas sagen kann: dass es besser ist, Dinge gleich zu erledigen und nicht alles gleichzeitig, eins nach dem anderen, konzentriert auf eine Sache, nicht leicht im Beruf der Verlegerin, aber ich könnte es versuchen. Und dass ich manchmal abschalten sollte. Vielleicht ist es ein Aufstand nicht gegen, sondern für mich. Hätte ich übrigens den Kundendienst gleich am Tag des Auslaufens angerufen, wäre er vielleicht noch rechtzeitig gekommen. Doch ich empfinde auf einmal Ruhe und Entspannung beim Spülen und Abtrocknen, ich fühle mich seltsamerweise nicht genervt, sondern plane nebenher meine Vorschau weiter und habe wieder einen Zettel beschrieben mit Ideen dafür, den ich vielleicht in Jahren zwischen den Küchenhandtüchern wiederfinde.
Claudia Gehrke

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: