Ungewöhnliche Leseorte

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Ich betrete zum ersten Mal das Naturkundemuseum Berlin. Es ist kurz vor sechs, das Museum wird gleich schließen. Beladen mit einem Rucksack und einem Beutel voller Weinflaschen frage ich nach dem Pförtner. Die Flaschen sind für eine Lesung, ich soll sie beim Pförtner deponieren. Die Lesung ist in zwei Wochen. Vom Haupteingang, an den Dinosauriern vorbei, durch den Raum mit Knut, dem Eisbären – neben dem die Lesung stattfinden wird –, klirre ich durch das stille, fast leere Museum. Verstohlen werfe ich einen Blick auf die riesigen Skelette, fühle mich klein und doch behaglich in dem Raum, in dem sich die Knochen metergroßer Dinosaurier über mir erheben. Doch ich eile weiter, die Flaschen sind schwer, vorbei an den ausgestopften Tieren, suche den Pförtner und gebe bei ihm meine Flaschen und Flyer ab.
Eine Woche später bin ich wieder hier, Vorbesprechung der Lesung. Es ist noch eine Stunde bis zur Schließung des Museums. Neben Knuts Vitrine soll die Autorin lesen, aus ihrem Eisbärenroman. Neben dem schlaksigen Eisbärteenager wirkt Yoko Tawada klein, fast niedlich, der weiße Bär mit den Knopfaugen dagegen wirkt leicht plump und unbeholfen. Ein Halbwüchsiger. In der Vitrine neben Knut der Zoostar der 20-er/30-er Jahre, Gorilla Bobby. Ein Raum voller ausgestopfter Tiere. Lebten sie, stünde ich mitten in einer Schlacht. Wer von ihnen würde sie überleben?
Als die Details für die Lesung abgesprochen sind, schauen wir noch kurz die Pandas an. Die neuesten Präparationsstücke, am Tag zuvor zum ersten Mal gezeigt. Selbst durch das Glas der Vitrine sieht ihr Fell unglaublich weich aus. Die Museumsmitarbeiterin bestätigt das. Wie gern würde ich wissen, wie sich ein Panda anfühlt. Es ist noch etwas Zeit, wir schauen uns noch einen weiteren Raum an und kehren zurück zu den Dinosauriern. Am Ende des langen Halses schwebt ein kleiner Kopf dreizehn Meter über uns. Das riesige Skelett nimmt den ganzen Raum der Halle ein, der Schädel dagegen ist winzig. Die Aufsichten drängen uns zum Gehen, ich dagegen möchte noch länger durch die Ruhe des nächtlichen Museums schleichen.
Die Woche darauf ist die Lesung. Wieder stehen wir vor Knut, von vorn wirkt er traurig. Ein melancholischer Teenager? Von der Seite betrachtet sieht es aus, als lächelte er. Mit einem Lächeln lauscht der ausgestopfte Eisbär der Lesung. Ich lächele zurück und stelle mir vor, wie sie nachts lebendig werden, Knut, Bobby, Knautschke, das Flusspferd, und auch der arme alte Ozelot, dessen Präparation 1819 komplett schiefging. Zusammen streifen sie durch das Museum, der missglückte Ozelot bewegt sich unbeholfen. Nebenan wählen Yan Yan und Bao Bao den Besucher des Tages. Dann nehmen sie wieder in ihren Vitrinen Haltung an. Mit dieser kindlichen Fantasie lächle ich dem vermurksten Ozelot zu, schnappe mir den Koffer mit den Resten des Büchertisches und nehme mir vor, bald wiederzukommen.
Babett Taenzer

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