Und jedem Anfang wohnt der Horror inne

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(Die Anfängerin 2)

Nein, ich kann Hermann Hesse, dem Jugendbuchautor, nicht beipflichten. Meinen Anfängen wohnt kein Zauber inne. Sie sind der Horror. Früher, vor ungefähr zehn bis fünfzehn Jahren, konnte ich gut Romananfänge schreiben, sie gingen mir leicht und problemlos von der Hand, fast ohne nachzudenken, spielerisch, ja, es hatte was von Spielen, aber seit einiger Zeit scheine ich es verlernt zu haben. Ab dem zweiten oder dritten oder vierten Kapitel läuft es dann gut, aber Kapitel eins ist der Horror. Muss nicht „Kapitel eins“ heißen, könnte ich auch „Prolog“ oder sonst wie nennen, aber der Horror bezieht sich immer auf den Anfang, egal, welche Überschrift der nun hat.
Ich bekomme den Ton nicht hin. Meine Figuren stimmen am Anfang nicht richtig, sprechen können sie im ersten Kapitel meistens sowieso noch nicht, das lernen sie erst später, wenn das Leben in sie gefahren ist wie die Elektrizität in Frankensteins Monster, und auch mit dem Erzähltempo hapert es. Seit etlichen Jahren schreibe ich das jeweils erste Kapitel entweder immer wieder um, oder ich korrigiere hier und da halbherzig (was es meistens noch schlimmer macht), oder ich verwerfe es (delete!) und schreibe es komplett neu. Grob geschätzt schreibe ich meine ersten Kapitel dreißig Mal um oder ganz neu. Wobei mir jetzt einfällt – ist dreißig Mal nicht noch weit untertrieben? Leider habe ich nie mitgezählt, weil ich immer naiv hoffe, dieses Mal wäre das letzte Mal, und künftig gelänge mir der Anfang sofort. Schnell.
Mein privates Umfeld lacht schon seit Jahren darüber.
„Und, was machst du heute Abend?“ – „Mein erstes Kapitel umschreiben.“ – (Schweigen.)
„Was hast du für Pläne in den nächsten Tagen?“ – „Kapitel eins.“ – „Kapitel eins was?“ – „Neu schreiben, was sonst.“ – (Genervtes Schnaufen:) „Kapitel eins? Schon wieder? Hast du das nicht erst letzte Woche umgeschrieben? Ich dachte, du bist schon viel weiter.“ – „Ja, schon, aber es stimmt noch nicht richtig.“ – „Aha. Wann stimmt es denn?“ – „Wenn es stimmt. Bald.“ – „Tja, dann viel Glück!“ (Mitleidiges Lachen.)
Regina Nössler

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