Tres faciunt collegium

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Eigentlich ging ich davon aus, einen Beitrag über einen ungewöhnlichen Leseort zu verfassen, doch es kam anders. Nun muss ich über eine gar nicht stattgefundene Lesung schreiben.
Mit klassischen Lesungen, üblicherweise oft in Buchhandlungen, bei denen der Autor/die Autorin vorne sitzt und eine knappe Stunde aus dem Buch liest und anschließend Fragen des Publikums beantwortet (Wird man vom Schreiben reich? Wie geht es mit der Protagonistin weiter? Überlebt sie? Seit wann schreiben Sie?), wird es immer schwieriger. Veranstaltungen laufen eigentlich nur noch gut, wenn sie „Event“ genannt werden, „Lesebühne“ oder Ähnliches, also möglichst hip klingen. Und in Berlin, mit so vielen konkurrierenden Veranstaltungen zur selben Zeit, ist es sowieso schwierig. Bedauerlich, denn es ist doch schön, sich eine Stunde zurückzulehnen und etwas vorlesen zu lassen.
Zu meiner Lesung in Berlin jetzt kurz vor Weihnachten kam genau eine Zuhörerin. Ich selbst hatte an diesem Wochenende Besuch aus Bochum, darüber hinaus war die Verlegerin Claudia Gehrke zufällig in der Stadt, ebenso ihre Mitarbeiterin Sunita Sukhana sowie Sunitas Mutter. Kurze Einschätzung: die Freundin aus Bochum hatte das Buch bereits in Manuskriptform gelesen, Claudia Gehrke und Sunita Sukhana als Lektorinnen sowieso. Blieben noch Sunitas Mutter und die „fremde“ Zuhörerin, die den Text nicht kannten. Zwei. Eine Person zu wenig, fand ich, denn: tres faciunt collegium.
Normalerweise hätte mich das Ganze wohl in eine kleine Krise gestürzt, aber da ich nicht alleine dort herumstand, bekam mein Egolein gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob und wie tief es nun gekränkt ist. Wir entschlossen uns, die Lesung nicht stattfinden zu lassen, schenkten der einzigen („fremden“) Zuhörerin ein Buch, aus dem sie an diesem Abend nichts vorgelesen bekam, und fuhren stattdessen zur BarbieBar auf dem Mehringdamm, wo wir interessante und wichtige Verlagsgespräche führten, für die sonst oft Zeit und Gelegenheit fehlen.
Natürlich gehören solche Erfahrungen zum Schriftstellerleben dazu, genauso wie Absagen für Stipendien, Literaturpreise und Ähnliches, und das oben erwähnte Ego, je nach Autor/Autorin kleiner oder größer, muss dann zusehen, wie es damit klarkommt. Am Ende geht es aber immer nur um eins: weiterschreiben! Und dieses Jahr ist bald vorbei, sodass meinem Egolein (das normalerweise übrigens recht pflegeleicht ist) und mir gar keine Zeit mehr für eine kleine Jahresenddepression bleibt.
Regina Nössler

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