Sommergefühle

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Es ist kalt geworden, statt auf der Terrasse sitzen wir heute drinnen und unterhalten uns langweiligerweise über das Wetter, über Hitze, Sturm und Regen und abgesagte Open-Air-Veranstaltungen. Sommer. Wir saßen oft auf ihrer Terrasse (ich habe keine) und diskutierten über Griechenland und Europa und die Welt, bis uns nichts mehr einfiel. Dann gab es Sex.
Im Sommer bin ich empfänglich. Wir haben im Sommer öfter Sex. Sie spürt meine durch Schwüle erzeugte Lust. Wieso das so ist, keine Ahnung. Weil die Haut vor Hitze feucht ist, die Feuchte sich selbstverständlicher ausbreitet, weil Sommerferien sind und alle entspannter, weil das Leben mehr draußen stattfindet, weil alle leichter bekleidet sind und die Körper offener, anrührbarer wirken als im Winter und ich gerne Menschen anschaue? Weil mich manchmal fremde Lust anweht, die Lust verliebter Pärchen, die durch die Stadt schlendern, und nicht nur das – manchmal begegne ich auch einer und bin gegen alle Vernunft offen für Sex mit der Unbekannten. Hormone? Weil die Dämmerung lange anhält? Midlife-Crisis? Ich bilde mir dann natürlich ein, purer Sex ist ja irgendwie für Frauen noch immer verpönt, verliebt zu sein. Oder gar zu lieben.
Demnächst fahre ich eine Woche alleine auf Urlaub, ich habe frei, sie nicht. Diesmal nur an die Ostsee, auf die romantische Insel Hiddensee. Aber selbst dort, inmitten von Familien in Strandkörben und wandernden Rucksacktouristen, kann es mir passieren, dass eine zufällige Begegnung in mir Lust wachkitzelt, idiotische irrationale Lust auf Sex mit einer neuen Frau. Sie weiß das, nimmt es nicht ernst. In der Realität blieb es fast immer bei Fantasien, kurzen Augenkontakten, einer anspielungsreichen flirtenden Plauderei in einem Café und kameradschaftlichen Berührungen. Doch eine „große Sommeraffäre“ gab es bisher, und eine halbe. Beide haben uns nicht auseinandergebracht, und darüber bin ich froh. Im Sommer bewege ich mich mehr, ich nehme beiläufig ab, weil ich, wenn es warm ist, weniger esse, ich mag meinen älter werdenden Körper auf einmal wieder, empfinde ihn in der Sonne, im Schwimmbad, auf der Terrasse, beim Schwitzen. All das scheint meine Sommerlustempfänglichkeit zu fördern. Ich habe versucht, dem in einem Roman nachzuspüren. „Einmal im Dunklen“ handelt von dieser einen Affäre; natürlich habe ich ausgeschmückt und Handlung hinzugefügt. Aber der Anfang der Affäre war fast genauso. Wäre ich in einem anderen Leben geboren, in einer anderen Sprache, wäre ich mit dieser Frau vielleicht länger zusammengeblieben. In meinem hiesigen Leben bin ich froh, dass mein „Sommerwahn“ lange vorbei ist, ich kann ihn auch nicht mehr wirklich nachvollziehen.
O je, Roman! Der vierte! Sicher nicht vor nächstem Jahr. Einleuchtende Handlung um die Liebesgeschichte und die Sexszenen herum zu finden, das braucht Zeit! In „Das dritte Mal“ hatte ich die in meinen Augen spannende Kindheitsgeschichte einer Bekannten eingebaut und ausgemalt und mit meiner Geschichte gemischt. Jetzt, im vierten, muss ich noch viel mehr erfinden und mischen, möchte aber weiter in Ichperspektive schreiben, an Perspektivwechsel traue ich mich nicht heran.
Zurück zum Sommer: Warme Nächte, Weintrinken, nicht ins Bett wollen, immer weiter reden wollen, und dann auf einmal körperliche Lust, das passiert mir in der Intensität vor allem im Sommer.
Ulrike Voss

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