Sommer auf La Palma oder „Die Wand“

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Früher waren wir zu zweit oder mehreren hier. Im Onlinezeitalter lässt sich von überall in der Welt aus arbeiten, so komme ich inzwischen auch alleine. Das alte kanarische Häuschen (gehört dem Autor Udo Rabsch, der nicht mehr reist) liegt auf der Westseite der Insel, 700 Meter hoch, Lavawände, ums Eck gebaut, nach hinten Richtung Osten und Cumbre (Bergkette, die die Insel in Ost und West teilt) eine kleine Straße, auf der anderen Seite vier Generationen Nachbarsfamilie. Nach vorne, abschüssig Richtung Westen wildes Gelände, Opuntien, alte Mandelbäume, trockene Pflanzen, Orangenbäume, Feigenbäume, weit unten Meer, keine Menschen zu sehen, im Gelände unter uns Ziegen und Podencos. Ich arbeite draußen, in der Ecke des Hauses an der weiß-schwarz gescheckten Wand. Wenn es Wind gibt, kommt der meistens aus Ost und erreicht die Ecke nicht. Ein Vordach mit winzigen Sonnenlöchern hält sie schattig. Ein idealer Arbeitsplatz. Über den Bildschirm schweift der Blick in die Ferne. Niemand ruft an. Da ich kurzentschlossen reise, wenn es günstige Flugangebote gibt, katapultiere ich mich quasi von einem Tag auf den anderen aus dem „normalen“ Leben mit Telefonaten und Begegnungen in eine andere Welt, bin plötzlich alleine mit Natur. Lebe mit Himmel, Meer, Wolkenschauspielen, Wind, Tieren und Pflanzen. Fragen wie diese, ob die Geckos über mir an der Hauswand trotz LED-Birnen noch genug Motten fangen können oder ob die Opuntien den Sommer aushalten – ihre strammen Glieder, die das Wasser speichern, sind nach dem regenarmen Winter dürr, keine Reserven mehr –, scheinen mich auf einmal mehr zu beschäftigen als die andere Welt, Griechenland, Deutschland. Das alles ist wie hinter einer „Wand“. Natürlich bin ich online, lese Nachrichten, chatte, maile, besuche die Nachbarn und kontaktiere meine hiesigen FreundInnen – und doch, wenn ich alleine herkomme, nehme ich die Welt ein wenig so wahr wie in dem Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Jeden Morgen fliegt das Graja-Paar, es wohnt seit Jahrzehnten in der Palme, über die Terrasse und kommt pünktlich zum Sonnenuntergang zum Schlafen zurück, zwischendurch schaut es vorbei, um nach dem neuen Nachwuchs zu sehen. Jeden Nachmittag schwebt ein riesiger Schmetterling herum. Nachts raschelt es in anderen Palmen, etwas rennt hin und her. Eidechsen? Oder Ratten, obwohl ich die nie sehe. Katzen, ein kleiner gescheckter Nachbarshund. Oft unterhalten sich die Hunde, besonders bei Vollmond, auch die Ziegen. Manchmal fliegt eine Eule vorbei. Und in der Ecke des Vordachs eine Spinne im Netz, eine Tigerspinne?, ich beobachte, wie sie ihre Beute verschlingt. Angeblich gibt es hier keine giftigen Tiere außer den Hundertfüßlern, riesige Monster mit vielen Beinen, die ich erst zweimal zu Gesicht bekam. Tödlich ist ihr Gift nicht, auch sind sie scheu. Angeblich leben sie weiter, oder der Teil von ihnen, der nicht getroffen wurde, wenn man sie erschlägt.
Die Nacht kommt. Hellgrün, die ersten Sterne, türkis, schwarzgrün, tiefblau, das Meer orange, silbern, grün, schwarzblau. Linien auf dem Meer. Dann klarer Sternenhimmel. Die Michstraße zieht sich wie eine Wolke längs über die Terrasse, manchmal liege ich im Sternschnuppenregen. Es ist wirklich dunkel. Weit unten die orangenen Lichter der Stadt.
Manchmal kommt heißer Wind aus Afrika, bringt Sandstaub, dann wird die Luft schmutzig, statt der schönen Klarheit ein paar Tage eklig gelblicher Dunst. An diesen Tagen sagen gutmeinende Auswanderer, die in „besseren“ Lagen wohnen, 700 Meter sei die schlimmste Klimazone. Der heiße Wind kommt von oben – so ist es hier wärmer als unten. Es gibt eine Grenze, man macht einen Schritt von ca. 28 Grad direkt in 38 Grad. Manchmal begegnen sich beide Winde, der frische vom Meer und der warme vom Berg. Wenn der heiße Wind weht, geht der Blick besorgt in die Berge, ob irgendwo Rauch zu sehen ist. Die meisten großen Brände wurden von Zigarettenkippen verursacht. Aber es kann auch sein, dass sich eine Kiefer von selbst entzündet und das Feuer weitergibt von Baum zu Baum, die Kiefern überleben das. Sie werden wieder grün, skurrile Baumgestalten überall.
Einmal gab es Mäuse. Ich wehrte mich gegen Mausefallen. Wir waren anfangs zu zweit hier und versteckten nach und nach alles Essen. Ich war der Meinung, wenn sie nichts Essbares mehr finden, würden sie schon abhauen. Obwohl sie niedlich aussahen und ich kurz mit dem Gedanken spielte, ihnen etwas Essen zu gönnen – nur setzten sie ununterbrochen Junge in die Welt. Sie hatten erstaunliche Wege gefunden, an Futter zu kommen, eine sprang in den Beutel mit Brot an der Wand. Schließlich besorgten wir einen riesigen Steinguttopf. Nichts lag mehr offen herum. Dann war ich die erste Nacht alleine im Haus. Ich erwachte; etwas knabberte an meinem Ellenbogen: eine Maus! Von dem Moment an wurden sie Feinde. Ich kaufte endlich Fallen. Seitdem gibt es keine Mäuse mehr im Haus.
Eigentlich wollte ich über die schöne Natur und die vielfältigen Landschaften auf der Insel schreiben, nicht über die Atmosphäre des Romans „Die Wand“ und über Mäuse. Doch das Schöne können Sie z.B. in Ines Dietrichs Buch „Geheimnisse der Insel La Palma“ nachlesen. Der Duft, die verschiedenen kunstvollen Formen, jedes Mal berauscht mich die Natur der Insel aufs Neue – ich halte inne und stehe neben mir und kann es nicht fassen, das Gefühl, das durch Natur erzeugt wird.
Eben versinkt eine hauchfeine rötliche Mondsichel unter zwei Sternen im Dunst über dem Meer, der Himmel ist noch dunkelgrün.
Auch Autorinnen haben mich hier schon besucht oder machten Wanderurlaub, und so fließt La Palma in Bücher: der Thriller „Wanderurlaub“ von Regina Nössler; ein surrealer Roman von Yoko Tawada, der auf Japanisch und nur ein Ausschnitt bisher auf Deutsch erschienen ist, ein Text über den Hundeboulevard von Dagmar Fedderke und von Sigrun Casper über Feste.
Claudia Gehrke

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