Schöne Sätze

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Ich denke nur selten an mein Studium zurück, aber seit ich begeistert die Krimis von Kate Atkinson lese („gehobene Unterhaltung“, danke für diesen Tipp an Susanne Schmid von der Jos Fritz Buchhandlung in Freiburg!), fällt es mir manchmal wieder ein. Besonders ein Seminar über E.T.A. Hoffmann bei dem inzwischen verstorbenen Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, der damals eine Art Popstar der Germanistik war und in seinem Gefolge einen Hofstaat junger Männer hatte, die alle genauso angezogen waren wie er (schwarz). Die Elixiere des Teufels. Am Ende der Reclam-Ausgabe fand sich eine grafische Übersicht über das verwirrende Personal – und trotzdem verstand man es nicht. Ob E.T.A. Hoffmann es selbst durchschaut hat? Ich frage mich, wie Kate Atkinson bei ihren vielen Figuren den Überblick behält, und stelle mir vor, dass über ihrem Schreibtisch eine gigantische Pinnwand hängt. Schriftsteller bedienen sich auch im elektronischen Zeitalter viel mehr altertümlicher Hardware („Aufschreibesysteme“), als man glaubt: Papier, Stift, Karteikarte, Notizbuch. Friedrich Kittler sagte damals im Seminar, das Geflecht der Personen in den Elixieren des Teufels sei angeblich von niemandem je vollständig entschlüsselt worden. Ich weiß nicht, ob das stimmt, bei den Metern an Sekundärliteratur über E.T.A. Hoffmann. Außerdem behauptete er mit einem herablassenden Lachen, Dichter begäben sich, nachdem ihnen ein besonders schöner Satz gelungen sei, selbstverliebt vor den Spiegel, um sich dort aufzuplustern und ausgiebig für diesen Satz zu bewundern. Ich schrieb in dieser Zeit schon (Gedichte) und war über seine Bemerkung mächtig verärgert. Damals begann ich, das Verhältnis zwischen Literaturwissenschaftlern und Schriftstellern für schwierig zu halten. – Zurück zu Kate Atkinson: Mich würde brennend ihr Arbeitsplatz interessieren. Ob sie riesengroße Netzwerkzeichnungen ihres Personals angefertigt hat, lauter Namen mit Pfeilen, die ihre Verbindungen zueinander markieren. Arbeitsplätze von Schriftstellern haben mich schon immer fasziniert (mein Schreibtisch ist übrigens aufgeräumt, kein Chaos). Vielleicht hat Atkinson aber auch einfach alles und alle im Kopf.
Und falls das hier Schriftsteller und Schriftstellerinnen lesen: Betrachtet ihr euch nach einem besonders schönen Satz immer im Spiegel?
Regina Nössler

3 Kommentare

  1. Liebe Regina Nössler,

    Claudia Gehrke hatte mich eingeladen bei der Vorstellung und Lesung von „Wanderurlaub“ auf La Palma mitzuwirken. Ich kann nur sagen: da gab es viele ’schöne Sätze‘, die ich vorlesen durfte!

    Vielleicht haben Sie ja Lust wieder ein Mal nach La Palma zu reisen und selbst eine Lesung – z.B. im La Luna – zu machen! Das würde uns alle sehr freuen! In meinem Blog habe ich von „Wanderurlaub“ und den Lesungen berichtet:
    http://goxlapalma.wordpress.com/tag/regina-nossler/

    Liebe Grüße
    Rainer Tietel

  2. Und hätten nicht auch manche Schriftsteller und Schriftstellerinnen guten Grund, sich bewundernd in einem Spiegel zu betrachten? Die Kunst schöne Sätze zu schreiben ist nicht jeder/jedem gegeben!

  3. Der besonders schöne Satz ist der Spiegel.

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