Schnupperpraktikum

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Im letzten Sommer machte ich meinen Bachelor-Abschluss. Das Gefühl, mein Zeugnis in der Hand zu halten, war herrlich. Ich war eine Absolventin. Die Welt stand mir offen. Jetzt würde ich das große Geld verdienen und mich nebenbei auch noch selbst verwirklichen. Mutig schickte ich Bewerbungen an zwei Dutzend Redaktionen und Verlage. Die ersten Absagen kamen schon am Tag darauf. Über den nächsten Monat verteilt trudelten jede Menge Briefe bei mir ein, die alle mitteilten, sie hätten sich für einen erfahreneren Bewerber, einen Master-Absolventen oder eine Person aus dem Umkreis entschieden. Jetzt hatte ich also ein Zeugnis, aber keinen Job. Auf den Vorschlag meiner Mutter hin begann ich noch ein Masterstudium.
Wenn es schon mit dem Geld nicht geklappt hatte, wollte ich zumindest der Selbstverwirklichung ein bisschen näher kommen. Also quetschte ich ein paar Wochen vorm Studienbeginn in meinen mit schlecht bezahlten und reizlosen Jobs vollgestopften Alltag ein Schnupperpraktikum beim konkursbuch Verlag.
Klar wusste ich, dass neben Reiseliteratur und Thrillern auch Erotikbücher zum Sortiment gehören, aber ich war dann doch etwas überrumpelt, als mich in dem kleinen Verlagsbüro von allen Seiten her halbnackte Personen anblickten – halbnackte Personen auf Postern und Buchcovern wohlgemerkt, die Mitarbeiter trugen für gewöhnlich schon Klamotten. Das Erste, was ich während meines Praktikums lernte, war, dass hinter Erotikliteratur jede Menge Arbeit steckt.
Zum Zeitpunkt meines Praktikums waren die Arbeiten für das Heimliche Auge 2014 gerade in der allerletzten Phase. Ich erlebte mit, wie kompliziert es ist, das Layout für ein Buch mit Bildern und Texten richtig hinzubekommen, schuf ein Verzeichnis der Autoren, Maler und Fotografen und erledigte andere Verlagsarbeiten, die wegen der intensiven Arbeit am Heimlichen Auge etwas zu kurz kamen. Am dritten Tag meines Praktikums fragte mich Claudia Gehrke, ob ich nicht Lust hätte, selbst einen kleinen Text für das Heimliche Auge zu schreiben. Klar!, sagte ich sofort und bemerkte erst dann, was meine Zustimmung bedeutete: Ich sollte etwas schreiben über meine persönlichen sexuellen Erfahrungen, und dann würde es für jedermann lesbar gedruckt werden.
Einen Moment lang dachte ich darüber nach, welches meiner Erlebnisse mich wohl im besten Licht darstellen würde. Aber dann entschied ich, das genaue Gegenteil zu tun. Ich berichtete (unter Pseudonym, weil ernsthaft: was, wenn mein Vater das in die Hand bekommt?) von einer sehr persönlichen, sehr intimen Erfahrung, die mich nicht gerade gut, sondern verletzlich darstellt. Aber genau darum geht es doch beim Schreiben, oder? Es geht darum, etwas von sich selbst aufs Papier zu bringen, sich zu entblößen.
Mein Praktikum endete viel zu schnell, aber meine Beziehung zum konkursbuch Verlag hält an. Zweieinhalb Monate später half ich nicht nur bei der Werbung für die Verlagsrevue Love Bites, sondern ich war auch ein Teil davon. Eine Autorin fiel kurzfristig aus, und als mich Claudia fragte, ob ich nicht etwas vorlesen wolle, sagte ich (natürlich) wieder sofort Ja.
Ich hatte noch nie zuvor vor Publikum gelesen, geschweige denn etwas Erotisches. Mal ganz davon abgesehen, dass ich meiner Stimme sowieso sehr skeptisch gegenüberstehe, begab ich mich in eine Situation, bei der ich nicht wusste, was mich erwartete. Bei meinem ersten Vorlesen war ich sehr nervös. Ich hatte Angst, dass meine Hände zittern würden, aber zu meiner Erleichterung ließen mich weder mein Körper noch meine Stimme im Stich. Beim zweiten Mal war ich schon wesentlich ruhiger. Und beim dritten und vierten Mal machte es sogar richtig Spaß.
Durch meine Mitwirkung bei Love Bites lernte ich interessante Autoren, Künstler und Tänzerinnen kennen, und es öffneten sich für mich weitere Türen, durch die ich dankbar und schon viel selbstsicherer als zuvor schritt. All das habe ich dem konkursbuch Verlag und Claudia Gehrke zu verdanken, denn durch mein Schnupperpraktikum und alles, was danach kam, habe ich gelernt, meine Ängste und Unsicherheiten mit einem Lächeln hinter mir zu lassen und mich hinaus in eine Welt voller Möglichkeiten zu wagen. Eine Welt, die mir ein Abschlusszeugnis niemals geben wird.
Sunita Sukhana

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