Mutter-Darstellerin

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Seit unser Sohn in der Schule ist, fühle ich mich wie ein Alien. Ich verstehe, anders als noch im Kindergarten, die meisten anderen Eltern nicht, denen es seit der Einschulung latent um Status geht. Es ist, als würden sie mir halbherzig etwas in Zeichensprache vorfuchteln – ich kann’s nur ertragen, das soziale Spiel, das ich weder mag noch beherrsche. Mein Muttersein drängt es mir wieder auf.
Selbstverantwortet. Als ich mir Familie wünschte, hatte ich in die Mitte der Gesellschaft gewollt, und da befinde ich mich jetzt, mit allen Abgründen. Da ich fruchtlose Rebellion um Lappalien mittlerweile scheue, bin ich in der Öffentlichkeit zur Mutter-Impersonatorin geworden. Ich lächle, nicke, schüttle scheu diverse Hände. Ich versuche, still und heimlich unter den rot-weißen Hürden durchzurutschen, statt ostentativ lächelnd zu springen. Ich kann nicht schauspringen.
Was Schreckliches von mir gefordert wird? Letzte Woche etwa rief der Elternvorsitzende zu Geldspenden an die Lehrerin auf, die bald Geburtstag habe. Die Lehrerin solle einen Blumenstrauß bekommen und einen Büchergutschein. Warum noch einen Büchergutschein, die Frau sei nett, aber auch bald Beamtin und ich pleite? „Mach einfach mit“, schnurrt meine Frau. Wir geben zwei Euro.
Der gelbe Blumenstrauß wird in sechzehn Einzelrosen mit Schleierkraut aufgeteilt. Jedes Kind bekommt eine Rose in die Hand gedrückt und überreicht sie der Lehrerin. Honneckers Geburtstag, denke ich fieserweise. Denn man stelle sich vor, ein einzelnes Kind würde die Lehrerin nicht mögen und hätte ihr daher partout keine Rose überreichen wollen! Na, das hätte aber Ärger mit den Eltern gekriegt. Die junge Lehrerin lächelt liebreizend, während ihr die Blumen überreicht werden, und ich denke einen Moment lang, Hauptsache, sie freut sich. Alle freuen sich offenbar. Ich will gönnen.
Die Klasse geht mit der Lehrerin ins Schulgebäude. Während ich mich zur stummen Flucht wende, kommt ein Vater auf mich zu und umarmt mich. Dabei kenne ich ihn kaum. Ich weiß nicht, warum er mich umarmt. Händeschütteln reicht doch. Er haucht sogar Wangenküsschen. Ich hasse Wangenküsschen. Verstört haste ich zum Fahrrad. Was tut man nicht alles für sein Kind.
Henrike Lang

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