Mother India – The Shit and the Jasmine

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Unser indisches Zuhause heißt „Douceur“, „Süße“, eine winzige Siedlung, die von Mira Alfassa, der Begründerin der internationalen Stadt Auroville südlich von Madras, so genannt wurde, bevor sie 1973 starb. „Douceur“ besteht aus einer international erfolgreichen Räucherstäbchenmanufaktur, dem weißen Haus unserer Freundin Grace, der schönen Tänzerin aus Holland, und ihrem ebenso schönen tamilischen Freund Sasi, mehreren Häuschen, in denen sehr lebhafte junge Tibeter wohnen, unter ihnen die von uns so genannte „Muffje“, eine in der Vergangenheit meist schlecht gelaunte üppige junge Frau. Neuerdings ist sie uns aber sehr wohlgesinnt und grüßt sogar auf Deutsch „Morgen!“. So üppig die Damen, so markant-attraktiv sind die langmähnigen jungen Männer. Bei den Tibetern ertönt grundsätzlich Musik, gerne Techno, es erschallen Lachsalven, gelegentlich wehen würzige Haschischwolken herüber. Wir wohnen daneben in dem großen weißen Haus mit Säulenrundgang und Patio bei unserer indischen Gastgeberfamilie Rajaveni und Rathinam und ihren halbwüchsigen Jungen, die morgens in Schuluniform, weiß mit dunklem Schlips, in die nahegelegene, ehemals französische Provinzstadt Pondicherry gefahren werden.
Auf den Stufen zur Veranda werden mit weißem Reismehl Kolams gestreut, verschlungene Ornamente, die ohne abzusetzen von Rajaveni selbst oder von dem Hausmädchen, der Ama, gezeichnet werden. Die Kolams schützen die Bewohner des Hauses vor schlechten Einflüssen; man findet sie überall in Südindien.
Der Tag beginnt früh, die meisten stehen mit dem Morgengrauen auf. Wir werden durch extreme Geräusche aufgeschreckt, vorgestern lief z.B. mit lautem Getöse der Wassertank neben dem Haus über. Gestern klatschten Wasserkaskaden in den Innenhof; ein andermal hörten die Hunde nicht auf zu bellen. Bisher war das Weckmittel Nummer eins Bollywood-Filmmusik in Höchstlautstärke von den nahegelegenen Tempeln, die uns förmlich zur Raserei brachte: Einmal ergriff ich im Halbschlaf (es war noch dunkel) einen Seitenschneider aus Franks Werkzeugkiste, raste auf meinem Motorrad zum Tempel und drohte mit schlafwirrem Haar dem schönen, nur in einen Lungi, Lendenschurz, gewandeten Priester, das Lautsprecherkabel durchzuzwicken, wenn er nicht augenblicklich die Musik leiser stellte. Erschreckt leistete er meiner Aufforderung folge – um die Lautstärke sofort wieder hochzudrehen, kaum dass ich außer Sichtweite war, nicht aber außer Hörweite. Zum Verzweifeln! Trotzdem schämte ich mich etwas, den wirklich schnuckeligen Priester so unbeherrscht angeschrien und bedroht zu haben. Das Tempelmusik-Problem wurde mittlerweile gelöst, die Lautstärke ist jetzt etwas moderater, gerade noch laut genug, dass man beim Aufwachen sofort weiß, dass man in Indien ist.
Und genau das erklärt den Begriff Mother India, wie dieses Land vom Volk genannt wird: man vergisst nie, wo man ist – es kann nur Indien sein. Die Farben, die Gerüche, die Geräusche. Selbst bei Nacht: da ist der Zusammenklang des Zikadengesangs, das hohe Fiepen der Streifenhörnchen, die sich steigernden Schreie des von den Briten so genannten Crazy Brain Birds, dann Hundegebell, das ferne Heulen der Schakale und das rhythmische Rauschen des nahegelegenen Meeres.
Als ich heute in der orangenen Abenddämmerung in Pondicherry durch abgelegene Gassen fuhr, durchströmte mich ein intensives Glücksgefühl und eine große Liebe zu diesem Land und seinen erstaunlichen Menschen. I love India!, rief ich innerlich und kurvte schwungvoll um halbmetertiefe Schlaglöcher, träge Wasserbüffel und mit Öllämpchen erhellte Obststände herum, vorbei an Tempeln, Kirchen und Moscheen, die in flirrendes Neonlicht getaucht waren.
I love India! Die Schönheit und das Chaos, die grell-heißen Tage und die pechschwarzen Nächte bei Neumond – und noch viel mehr die indigoblauen Vollmondnächte! Musik von Mattafix, der britisch-indischen Band, Livin’ Darfour, die Musik verweht, Om Shanti. Und jetzt, Wunder der Technik, das sich steigernde Geläut der Hosannaglocke vom Freiburger Münster von Franks Laptop. Multiple Heimaten. Ich dachte lange, ich müsste mich entscheiden, wo ich hingehöre. Nun bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich einfach viele Heimaten habe, nicht heimatlos bin, sondern vielfach verankert. Eben auch in Mother India.
Rinaldo Hopf

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