Mittwochssalon

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Mittwochs denke ich, obwohl es schon so lange her ist, manchmal an den Mittwochssalon, aus dem heraus der Verlag gegründet wurde. Die Autorin Yoko Tawada, damals Kind in Tokyo, hat später darüber eigenartige Geschichten gehört: die Frauen hätten lange Röcke getragen und nichts darunter, und alle hätten auf einem spiegelnden Tisch gesessen und gegessen.
Spiegelfolie gab es, an der Wand! Der Tisch war ein alter ausziehbarer Holztisch, der heute noch im Verlagszimmer steht. Ich trug damals wirklich Röcke, seit Jahrzehnten trage ich keine Röcke mehr, so etwas wie Hippiekleidung, spitzendurchsetzt. Andere trugen Hosen, und alle was darunter. Der Salon fand ab Mitte der 1970er statt, ich war Anfang zwanzig, die sogenannte sexuelle Revolution der 60er noch nicht sehr lange her, die Frauenbewegung noch frisch. Natürlich gab es in diesen Mittwochnächten nach den Essen manchmal auch Sex in allen Geschlechterkombinationen, aber vor allem wurde gegessen und debattiert. Einmal, an einem sehr heißen Sommermittwoch, sind einige von uns mit voller Kleidung in den Brunnen unten vor dem Haus gegenüber der Stiftskirche gestiegen. An dem Tisch in einem WG-Zimmer saßen (meistens standen und saßen einige auch drumherum, da mehr kamen, als an den Tisch passten) skurrile Philosophiestudenten, werdende lesbische Schriftstellerinnen, werdende Psychoanalytikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Japanologen, Liedermacher, einzelne Professoren (damals gab es nur wenige Professorinnen), eine Theologiestudentin, die später evangelische Dekanin der Stadt wurde. Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen „Schubladen“ und redeten sich die Köpfe heiß, lasen sich Texte vor, entwickelten Ideen, die so schnell verflogen, wie sie auftauchten. Ich kochte riesige Rindfleischeintöpfe, Geflügel, Reisgerichte, damals war man noch nicht vegan, meistens kochte ich nach einem französischen Kochbuch, das, ziemlich befleckt, noch heute in meiner Küche steht. Eine Idee hat es geschafft und lebt noch heute und – sicher ist das gar nicht – hoffentlich noch lange: der Verlag. Und neben aller Online-Kommunikation: echte Live-Gespräche beim entspannten Miteinander-Essen, -Trinken, -Bahn- oder -Autofahren sind noch immer wichtig.
Claudia Gehrke

 

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