Meine geheimnisvolle Verlagsarbeit

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Immer wieder werde ich gefragt, was genau ich eigentlich beim konkursbuch Verlag so treibe. Manche meiner Bekannten scheinen den Eindruck zu haben, dass ich den lieben langen Tag nur im Sessel sitze und Bücher lese. Andere Freunde halten mich für eine Art Zuhälterin, die Geld dafür eintreibt, dass sich Frauen ausziehen. Wieder andere wissen nur, dass ich wild herumrenne, haben aber keine Ahnung, wozu.
Ja, ich lese beruflich (glücklicherweise) viele Bücher, aber das ist nur ein kleiner Teil meiner Aufgaben. Außerdem lese ich nie im Großmuttersessel, sondern immer auf meinem Schreibtischstuhl vorm Computer.
Ein größerer Teil meiner Aufgaben sind die Pressearbeit und die Veranstaltungsorganisation. Von Letzterem scheint das Zuhälter-Gerücht zu stammen, was natürlich nicht stimmt. Ich organisiere z.B. unsere Love Bites, bei denen tatsächlich Burlesque-Tänzerinnen regelmäßig ihre Kleidung verlieren, wenn auch (fast) nie alles. Von den Eintrittseinnahmen geht ein Teil an die Tänzerinnen, Musikerinnen, Autorinnen und an uns, den Verlag. Profit durch nackte Frauen spielt hier keine Rolle. Es geht um Tanz, um Musik und natürlich um Literatur, denn deshalb sind wir alle hier.
Es kann durchaus vorkommen, dass ich wild herumrenne. Das liegt daran, dass unglaublich viele Menschen und Details involviert sind, die ich im Blick behalten muss. Damit es also in Zukunft keine falschen Ideen von meiner Arbeit mehr gibt, möchte ich hier beispielhaft erzählen, was alles zu der Organisation unserer Love Bites in Tübingen und Stuttgart letztes Wochenende gehörte.
Die Organisation beginnt schon knapp ein Jahr früher, wenn die Termine festgelegt werden. Ein paar Monate vor der Show werden die Performerinnen und Autorinnen zusammengetrommelt. Das bedeutet: viel herumtelefonieren, Termin- und Honorarabsprachen etc. Um die inhaltliche Ausrichtung der Show (welche Nummern und Texte werden präsentiert?) kümmert sich Verlegerin Claudia Gehrke. Aber auch bei der Zusammenstellung der Performer müssen wir schon einiges bedenken: Welche Autorinnen passen zueinander, welche ergänzen sich? Wir wollen eine möglichst vielseitige Show, bei der jeder Lesende einen anderen Humor mitbringt. Auch bei den Tänzerinnen heißt es, sich zu fragen: Können diese Menschen zusammenarbeiten? Wie ist der Tanzstil? Welche Art von Live-Musik (Gesang, Instrumental) rundet das Ganze ab?
Wenn dann die Crew feststeht, fängt spätestens einen Monat vor der Show die Werbung an. Ich schicke Infos und Fotos an Zeitungen, Zeitschriften und Radiosender und hake etwas später noch einmal nach, bitte freundlich um einen Tagestipp oder eine Besprechung.
Außerdem braucht der Veranstaltungsort, z.B. das Sudhaus in Tübingen oder das Merlin in Stuttgart, detaillierte Infos darüber, welche technische Ausrüstung benötigt wird. Hier muss ich wieder hin und her telefonieren oder mailen. Liebe Performer, was braucht ihr? Liebes Sudhaus, liebes Merlin, könnt ihr das liefern? Mikrofone, Licht, Garderobe, Stühle, Verstärker, Klavier etc. Wenn etwas fehlt, kann die Show schnell ins Chaos stürzen, aber zum Glück sind Techniker und Performer schon lange im Showbusiness und kennen sich aus. Das Publikum nimmt die Techniker nur wahr, wenn etwas schiefläuft, aber ohne diese Leute könnte die Veranstaltung nicht stattfinden. Technik ist die halbe Show.
Eine Woche vor den Love Bites erinnere ich noch mal alle Beteiligten daran, wann sie wo sein müssen, wie sie dorthin kommen, was sie dort zu erwarten haben. Ich schicke den Ablaufplan herum und sammle alle Handynummern ein, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass jemand im Stau stehen oder seine CD vergessen oder den Weg nicht finden oder dringend noch Brezeln oder Kondensmilch brauchen wird (ja, solche Dinge sind wichtig für unsere Performances!), dann muss ich schnell jeden erreichen können.
Am Veranstaltungstag schließlich beginnt der Endspurt. Ich bin immer drei Stunden vor Beginn am Veranstaltungsort. Jetzt startet der Soundcheck. Tänzerinnen und Musikerinnen üben, testen Mikrofone und Instrumente, Techniker speichern die Reihenfolge der Songs ab. Wenn ich nicht gerade durch die Gegend hetzte, um irgendein kleineres Problem zu beheben oder ein paar Last-Minute-Besorgungen zu machen (Soundchecks machen hungrig, also muss schnell Essen her!), dann bin ich damit beschäftigt, unseren Büchertisch aufzubauen. Das ist schwieriger, als man denkt. Welche Bücher stelle ich aus? Was wird wohl heute Abend oft gekauft? Welche Bücher lege ich nach vorne, welche nach hinten?
Dann, endlich, beginnt die Show. Ich mache Fotos. Nach den Nummern der Burlesque-Tänzerinnen gehe ich auf die Bühne, sammle ihre Kleider ein, die sie zuvor verloren haben, und bringe sie ihnen in die Garderobe. Ja, auch Aufräumen gehört zum Showbusiness. Ich habe die meisten Nummern schon mehrere Male gesehen, aber ich bewundere immer wieder Bana Bananas sexy Tänze, bestaune Elsie Marleys spektakuläre Performances, bin verzaubert von Eleonore Hochmuths wunderschönem Gesang und lache herzhaft mit bei den Lesungen unserer Autorinnen. Wenn, wie letzten Samstag in Stuttgart, das Publikum lautstark jubelt, lacht und vor Begeisterung grölt, dann ist das ungeheuer ansteckend, und alle Beteiligten genießen ihre Arbeit umso mehr.
In der Pause und nach der Show stehe ich hinter dem Büchertisch und verkaufe fleißig unsere erotischen Jahrbücher, Romane, Anthologien und Fotobände. Ich beantworte Fragen und unterhalte mich über den schwarzen Humor der Autorinnen oder die einwandfreien Lichtverhältnisse in den Werken unserer Fotografen.
Wenn sich der Saal dann langsam wieder leert und ich mit Künstlerinnen und Autorinnen, die von all dem Adrenalin regelrecht strahlen, zusammenstehe, immer wieder unterbrochen von einem Besucher, der einer Performerin oder Autorin sein Kompliment aussprechen möchte, dann weiß ich, dass sich all die Arbeit gelohnt hat. Denn was bleibt, sind ein bezaubertes Publikum, etliche verkaufte Bücher und ein zufriedenes Team.
Sunita Sukhana

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