Mein Nachbar schaut mich immer so komisch an

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Seit den Anschlägen von Paris bin ich schon dreimal demonstrieren gewesen. Mein Nachbar schaut mich immer so komisch an, wenn ich mit meinen Schildern das Haus verlasse. Beim letzten Mal blieb ich vor der Haustür stehen und fragte: „Is’ was, Nico?“
„Pass auf dich auf“, sagte er schließlich, recht onkelhaft, wie ich fand, zumal er einige Jahre jünger ist als ich.
„Keine Angst“, antwortete ich. „Ich gehe nicht bei Rot über die Kreuzung.“
Seine Augen blitzten böse, und er wiederholte, unheilvoll dröhnend: „Pass auf dich und deine Sachen auf, wenn du auf solche Versammlungen gehst.“
„Wieso, hauen und klauen die Leute von der Gewerkschaft?“ Ich wollte an diesem Abend eigentlich nur zu „Köln stellt sich quer – für Vielfalt und Toleranz“ gehen, wo lediglich ein Haufen alternder Liberaler aus den Mitte-Links-Parteien aufschlug, teils mit Teenagernachwuchs, der den Altersdurchschnitt ein wenig senkte. Bei einigen politischen Äußerungen zuckte ich gelegentlich kurz zusammen, wie bei pulsierendem Zahnschmerz, aber schlimmere Gefahren sah ich bei der Kundgebung am Appellhofplatz eigentlich nicht.
„Nein, die nicht.“ Er schwieg bedeutungsschwanger. „Jedenfalls viel Spaß – und lass dich nicht instrumentalisieren und in die Luft sprengen.“
„Meinst du, die Organisatoren dieser Demonstration sprengen mich in die Luft?“, fragte ich Nico mit unschuldigem Augenaufschlag. Sie würden mich, je nachdem, eher zu Tode langweilen.
Jetzt kam er in Rage: „Die benutzen dich doch nur als Kanonenfutter, um einen neuen Anschlag der Islamisten zu provozieren.“
„Nico“, sagte ich langsam und deutlich, „ich habe nicht vor zu sterben – ich gehe bloß für zwei, drei Stunden zum Appellhofplatz und demonstriere ein bisschen.“
„Aber du könntest dabei sterben!“
Die Fürsorge, die aus seinem dramatischen Aufschrei sprach, rührte mich durchaus. Ich entgegnete: „Nico, genau darum geht es: Nur wegen einiger mordender Vorort-Lümmel verzichte ich nicht auf mein Recht, öffentlich meine Meinung zu sagen.“
„Aber doch nicht um jeden Preis!“
Ich antwortete mit den legendären Worten von Harvey Milk (Homosexueller, Amerikaner, Jude – schlimmer geht es für Verschwörungstheoretiker nicht), als er gefragt wurde, ob er als offen schwuler Stadtrat keinen Anschlag auf sein Leben fürchte: „It can happen anytime, anywhere, and I don’t care.“
Nach einem knappen „Tschüs“ ließ ich Nico stehen und dachte im Weitergehen über meine Worte nach. Ich fürchtete den Tod wirklich nicht besonders. Schmerzen fürchtete ich und den Kummer meiner zurückbleibenden Angehörigen, aber sonst? Ich habe schon ein halbes erfülltes Menschenleben hinter mir, außerdem viele Schicksalsschläge und Krankheiten, eigene wie fremde, die in der Summe schlimmer sind als der Tod. Wenn er irgendwann einmal kommt, kann ich mir nicht vorstellen, mich über Gebühr zu wehren. Und bis dahin gehe ich aufrecht.
Henrike Lang

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