Mein limbisches System?

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Ich bin Schriftstellerin. Das heißt, ich schreibe. Aktuell an einem Roman, während ich einen zweiten schon abgegebenen Roman überarbeite und einen dritten konzipiere. Um genau zu sein, tue ich das alles nicht aktuell, sondern gleich, nach dem Essen. Was soll schon von einem hungrigen Gehirn zu erwarten sein. Nach dem Essen räume ich die Küche auf. Ich bin nicht unbedingt der ordentlichste Mensch auf der Welt, doch ich finde, es gibt einen Zusammenhang zwischen sauberen Räumen und klaren Gedanken.
Nach dem Aufräumen mache ich ein kurzes Verdauungsschläfchen. Und dann setze ich mich an den Computer. Bevor mich mein Laptop zu Word vordringen lässt, führt er mich durch eine Handvoll Foren. Ich like dies und kommentiere jenes, finde neue Freunde, kaufe ein Sommerkleid und überfliege meine Mails. Im Anschluss bin ich so erschöpft, dass ich mich für eine halbe Stunde mit einem Buch aufs Sofa zurückziehe. Dort erwischt mich telefonisch eine gute Freundin. Ich habe gar keine Zeit, mit ihr zu sprechen, ich muss schließlich schreiben, aber sie sagt, sie hat jemanden kennengelernt, und das interessiert mich nun doch. Nachdem ich über alles im Bilde bin, setze ich mich an den Schreibtisch. Jetzt aber wirklich. Ich fange an zu schreiben, sobald mein Nagellack getrocknet ist. Als das endlich der Fall ist, lohnt es sich gar nicht mehr, die Tasten zu bemühen, wo ich doch gleich eine viel zu selten gesehene Freundin zum Essen treffe.
Dann morgen. Aber wirklich. Schon in aller Frühe.
Beim Kaffeekochen in nicht ganz so früher Frühe fällt mir auf, dass die Sonne scheint. Eine Seltenheit in diesen letzten Spätsommertagen. Ich packe Bikini und Handtuch ein und mache mich auf den Weg zum Schwimmbad, um in Sonnenstrahlen unter Bäumen zu kraulen, solange es noch geht. Danach muss ich schnöder Lohnarbeit nachgehen, weil das Schreiben allein nicht all meine exquisiten Gelüste finanziert. Nach dem Lohnarbeiten meldet sich eine begehrte Person zu Wort mit dem Wunsch nach erotischen Umarmungen. Wer wäre ich, ihr dies zu verwehren.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ich schreibe nicht. Weil das Leben kein Päuschen macht, das ich hierfür nutzen könnte. Oder auch aus anderen Gründen. In der einschlägigen Literatur lese ich, es könnte etwas mit meinen Schläfenlappen und meinem limbischen System zu tun haben. Das ließe sich unter Umständen mit Medikamenten, Stromschlägen oder kleinen chirurgischen Eingriffen beheben. Kann aber auch sein, dass ich kurz vor einem Burnout stehe, Depressionen habe oder nicht in der Lage bin, meine Zeit vernünftig zu strukturieren. Vielleicht ist auch die Gesellschaft schuld, die Leistung verlangt, wo doch Atmen genügen müsste.
Oder es liegt an meiner mangelnden Motivation. Wozu schreiben, wenn Goethe und J. K. Rowling bereits alles erfunden haben? In solchen Momenten meldet sich manchmal ein zartes Stimmlein aus den entlegenen Regionen meines Hirns zu Wort. „Du schreibst für die Handvoll Menschen, deren Herzen dein Buch bewegt. Für dieses eine Leben, das sich durch deine Worte ändert.“
Ich höre das Stimmlein allerdings kaum. Ich glaube, es ist erkältet.
Vielleicht muss ich einfach noch ein bisschen schlafen, schwimmen, Wein trinken und küssen, bis das Stimmlein wieder gesund ist und sich klar und verständlich äußern kann.
Oder habt ihr noch andere Ideen? Nur her damit! Die beste Idee gewinnt ein Exemplar meines nächsten Buches!
Cornelia Jönsson

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