Lobrede auf Dominas

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Würden Sie Ihr blankes Leben einem Künstler anvertrauen, mit all seiner Egozentrik? Ich vertraue eher auf Polizisten und Feuerwehrleute. Wobei es Ausnahmen gibt.
Maurice Ravel etwa fuhr im Ersten Weltkrieg als Rettungssanitäter. Hinter dem Lenkrad eines riesigen Militärlastwagens sah man den zierlichen Komponisten allerdings kaum, und der Anblick eines LKWs, der fahrerlos über die Champs Elysées rollte, muss selbst in Kriegszeiten beunruhigend gewesen sein. Obwohl sie weder rückwärts fahren noch selbst tanken konnte, lieferte Gertrude Stein im notleidenden Frankreich Medikamente einer amerikanischen Hilfsorganisation aus.
Ravel und Stein, wie kapriziös sie als Helden auch gewesen sein mögen, taten beide etwas Naheliegendes, Einfaches, Praktisches in einer schweren Zeit. Ich erinnere mich auch noch an die New Yorker Schriftstellerin Sarah Schulman, die gleich nach Bekanntwerden der Attentate vom 11. September Blut spenden ging – statt über ihre Eindrücke und Befindlichkeit zu bloggen, wie damals so viele andere Autoren.
Deutsche Intellektuelle melden aktuell gerne, wenn sie etwas Nützliches tun, damit ja keiner ihre gute Tat verpasst. Jeder barmherzige Pups wird, Bescheidenheit mimend, gepostet. Ich kann mir gerade keine Notlage vorstellen, die so groß wäre, dass ich mich ihrem hysterischen Wohlwollen ergäbe.
Die einzigen beherzten Gegenwartskünstlerinnen, die mir einfallen, sind die sadomasochistischen Kolleginnen vom konkursbuchverlag. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich gegenüber neuen Bekannten maßlos von ihnen schwärme (obwohl mir SM selbst fremd bleibt). SM-Kolleginnen wirken vertrauenswürdig, auch in brenzligen sozialen Situationen. Sie sind hellwach, um notfalls praktisch einzugreifen. Das machte sie im Kriegsfall zu idealen Rettungssanitäterinnen, wie ich finde.
Würde ich von einem Psychopathen bedroht, hätte ich gern eine Cornelia Jönsson an meiner Seite, die rasch wüsste, was zu tun ist. Wäre Phoebe Müller eine Löwin, würde ich ihr, ohne zu zögern, den Kopf in den Rachen legen. Doch bevor ich jetzt von Phoebe mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme zu schwärmen beginne (der einzigen, die in der Lage ist, die Pfeffersacksprache Badisch erotisch zu färben) und mir vorstelle, wie Phoebe in Uniform einen Militärlastwagen durchs menschenleere Karlsruhe steuert, höre ich lieber auf. Schließlich trifft man sich bei irgendeiner Lesung wieder, und da möchte ich lieber keine roten Ohren bekommen.
Henrike Lang

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