Lob der Faulheit

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Faulheit ist das Ergebnis von Haltungsschwächen wie Passivität und Beeinflussbarkeit. Faulheit: Abgabe von Eigenverantwortung. Faulheit soll dafür sorgen, dass es ruhig bleibt. Faulheitspflege sorgt fleißig dafür, dass ja kein Bedürfnis nach Veränderung aufkommt. Das System, das Faulheit braucht, will um jeden Preis bleiben. An Faulheit lässt sich unendlich viel verdienen.
Eltern, die ihre Kinder aus Liebe mit Spielsachen vollmüllen, nickt die Faulheit anerkennend zu. Weiter kaufen! Einer Pädagogik, deren Lehrplänen, Lehrinhalten, didaktischen Vorgaben und Verständnis von sich selbst es nicht gelingt, in den ihr anvertrauten Lernenden Neugier, Lernlust und Eigenaktivität zu wecken, gebühren Prämien, unterzeichnet vom System Faulheit. Nicht zuletzt lobt es unermüdlich die Medien, die das Verlieren von Initiative im Denken und Handeln ihrer Konsumenten mit erforschter Systematik unterstützen.
So viel zum Lob der Faulheit. Das Wort kann nichts dafür. Obwohl ich die Diktatur der Faulheit so gut ich kann ignoriere, kenne ich Faulheit nur zu gut.
Ich bin nämlich gern faul.
Ich bin es. Ich bin gern faul. Aber die Faulheit hat mich nicht.
Kaum kam ich auf den Gedanken, Faulheit durch Faulsein zu ersetzen, fing mein Herz im Kopf fröhlich zu hüpfen an.
Lob dem Faulsein.
Faul sein lässt mich frei sein. Das Faulsein erlaubt mir lächelnd, mich zu entscheiden. Wenn das kein Lob ist! Ich bin jetzt zu faul, den Herd zu putzen. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich lege mich auf eine Wiese und denke an nichts. Vielleicht denke ich tatsächlich an nichts, wenn ich in eine Wolke blinzele. Leute, die auf dem Balkon stehen oder im Fenster lehnen, sind faul. Sie schauen runter und nehmen so am Leben teil. Wir sitzen in einer Kneipe, trinken Bier, schwatzen. Es tut gut, mit Freunden faul zu sein. Sitzen, essen, trinken, reden, blödeln, schweigen, lachen. Plötzlich taucht ein Thema auf. Wir diskutieren. Ein Kind sitzt auf dem Boden und schaut vor sich hin. Das ist alles, was es gerade tut. Es ist faul. Es überlässt sich seiner Langeweile. Da sieht es einen Fussel. Der Fussel verwandelt sich in ein Krokodil, einen Troll, ein Raumschiff. Das Kind unterhält sich laut oder in Gedanken mit dem sich wandelnden Spielzeug, dem Fussel auf dem Teppich.
Unverhaltensweisen, welche die Faulheit lobt und prämiert, entstehen aus dem Material ihres Wesens. Unfreiheit. Denkfaulheit. Das ist der Boden, auf dem Manipulierbarkeit wächst und gedeiht. Wo lassen Sie denken? Die Frage, die leider nicht auf meinem Mist gewachsen ist, bringt Faulheit auf den Punkt. Zum Faulsein habe ich mich selbst entschieden. Jederzeit kann ich sagen, so, jetzt aber genug rumgehangen. Faulsein lobe ich mir und anderen. Ich lobe die Langeweile, die Lässigkeit, das Fünfe-gerade-sein-Lassen, die Gelassenheit ziellosen Schauens. Diese Früchte des Faulseins enthalten ein niemals faulig werdendes Fleisch. Beobachtung, Fantasie, Freude am Dasein.
Ich bin faul, ich will es sein. Lob dem Faulsein. Essen, trinken, rumliegen, lesen, hören, lästern, so gut wie nichts auch nur irgendwie Erhebliches tun.
Auf einmal erscheint mir aus der Wolke, in die ich schaue, aus dem Nichts, an das ich denke, eine Idee. Ja, wenn ich mir gar nichts vornehme, aus der Entspannung des Faulseins heraus können sie auftauchen, die Fussel, die sich in Stoff verwandeln.
Sigrun Casper

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