Literaturstipendium in Bochum

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Ich verbringe zehn Tage in Bochum. Catsitting bei zwei guten Freundinnen, wie jedes Jahr. Ich mag die Katzen nicht, was alle wissen – mit Ausnahme der Katzen selbst. Meine beiden Bochumer Freundinnen legen mir immer ein großzügig bemessenes Taschengeld auf den Küchentisch, und eine arme Autorin wie ich kann das gut gebrauchen. Insofern versuche ich jedes Mal, das Ganze als eine Art zehntägiges Literaturstipendium in Bochum zu betrachten. Allerdings gelingt es mir nicht wirklich, hier zu schreiben. Ich scheine zu den (wenigen?) Autorinnen zu gehören, die am besten bei sich zu Hause, in gewohnter Umgebung und den eigenen vier Wänden arbeiten können. Die Katzen, die ich nicht mag, sind inzwischen neunzehn und nicht mehr ganz auf dem Damm. Ich beschäftige mich hier mit solchen Dingen wie neurotisches Geschrei ertragen, Katzenpisse wegwischen, Katzenkotze wegwischen. Die eine ist latent aggressiv, immer, und wenn die andere sich bei einem Intelligenzwettbewerb mit einem Fadenwurm messen müsste, würde sie verlieren. Eigentlich waren sie schon in jungen Jahren neurotisch und unausstehlich, es hat sich jetzt nur verschlimmert. (Wie können zwei so nette Frauen wie meine Freundinnen so schreckliche Katzen haben? Das frage ich mich seit Jahren. Eine der beiden beantwortete diese Frage einmal damit, dass sich in den Katzen möglicherweise ihr abgespaltenes Unbewusstes bzw. die dunklen Seiten ihrer Seele widerspiegeln.)
Vielleicht mache ich einen Ausflug zu meiner alten proletarischen Uni, die ein bisschen außerhalb liegt und Berühmtheit dadurch erlangt hat, dass sie angeblich unglaublich hässlich sei und sich dort bundesweit die meisten Studenten umgebracht hätten, indem sie von einem der hohen Gebäude sprangen, vorzugsweise von den G-Gebäuden. G wie Geisteswissenschaften. Ich finde meine Alma Mater heute eigentlich ganz schön. Die Bäume, die in meiner Studienzeit noch winzig waren, sind inzwischen riesig geworden, ein richtiger Dschungel. Der Ausblick hinter der Mensa, den ich früher gar nicht zu schätzen wusste, ist fantastisch. Fragt sich nur, wie ich hier an einem Thriller weiterschreiben soll, der in Berlin-Kreuzberg spielt. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sieht es einfach nicht so aus wie Kreuzberg, und Katzen werden im Buch auch nicht vorkommen, sondern Nebelkrähen. Aber diese Fähigkeit zur Abstraktion sollte Autorinnen wohl gegeben sein.
Regina Nössler

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