Liebe ohne Ende

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Karl (alle Namen geändert), 84, war lange unglücklich. Liebeskummer! Wann auch immer ich im Münchner Tanzlokal Maratonga mit ihm tanzte, schimpfte er auf seine Ex. Und das war nicht etwa die Ex von vor 20 Jahren, sondern die von vor zwei Monaten. Ja, sie – schätzungsweise 75, jünger aussehend – hatte sich mit ihm eingelassen. Und ihn dann plötzlich sitzenlassen, weil sie einen anderen – womöglich jüngeren als Karl? – bevorzugte.
Das Maratonga ist das letzte Tanzlokal nach alter Art in München. In seinem wunderbaren Retrolook fehlen nur noch die Tischtelefone. Alles andere ist da, von Schlagern wie „Ich bin der Kapitän“, „Atemlos“ und „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ über eine sich drehende Diskokugel bis zu fein gekleideten Damen und Herren. Es öffnet täglich um 14 Uhr. Der Nachmittag gehört dann den (scheinbar) Alten. Doch wer sie beobachtet, der merkt schnell: Bei diesen Leuten prickelt es noch ganz heftig. Und die Damen in ihren Röckchen gehen ganz schön ran. Da kann man Fremdflirten ebenso sehen wie unwiderstehliche körperliche Anziehung auf der Tanzfläche. Um 19 Uhr wechselt dann die Belegschaft. Dann kommt der Abend-Diskjockey und mit ihm das jüngere Publikum, ab, ja, manchmal durchaus schon ab 40. Vor allem die Frauen, die nun mal meist sehr gerne tanzen, sind oft jung und attraktiv und heiß begehrt von Herren wie Karl und Co. So mancher der nach offizieller Lesart betagten Greise darf hier den Luxus genießen, relativ junges Blut im Arm zu spüren. Nicht selten tendieren die Tänzer dann zu engen Tanzhaltungen und suchen das Schulterblatt der Dame zwei Etagen tiefer.
Wer das Maratonga zum ersten Mal betritt, erleidet oft einen Schock. Waaas, so alt bin ich doch noch nicht, dass ich hierher passe, denkt man dann und geht erst mal rückwärts wieder raus. Aber wer wiederkommt und einfach mitmacht, mit Karl, 84, und Peter, 76, und Helmut, 80, über die Tanzfläche wirbelt, sich in ihrem Alte-Schule-Charme sonnt und sich einfach daran erfreut, dass diese Herren noch einen Sinn im Leben haben, bei dem steigen die Endorphine Tanz für Tanz. Nach dreien gibt es übrigens immer eine Pause, was sehr praktisch ist, um den Tanzpartner zu wechseln. Jeden Mittwochabend ist Damenwahl, da ist dann Rollentausch angesagt. Denn ja, hier wird noch aufgefordert. Und es gibt fast ausschließlich Paartanz. Ebenso wie zahlreiche Paare. Wechselnde Paare. Illegale Paare. Die meisten hier sind verheiratet, aber nicht miteinander. Hier flammt an vielen Stellen wieder auf, was längst erloschen schien.
Tanzlokale, die zu den Zeiten, in denen Hermann Hesse den Steppenwolf schrieb, noch sehr verbreitet waren – der introvertierte Steppenwolf wird zur Aufhellung seiner Stimmung immer von Mädels zu solchen Vergnügungen geschleppt – sind in München leider ausgestorben. Das Maratonga ist eine letzte einsame, nein, eben gar nicht einsame Insel. Und wir alle, der Helmut, der Peter, die Eva (52) und die Lotte (64) und die Maria (45), wir hoffen täglich, dass das 1987 an dieser Stelle eröffnete Lokal – vorher bestand es bereits mindestens zehn Jahre lang im Olympiazentrum – noch sehr lange überlebt. Nicht nur deshalb freuen wir uns, wenn im Getümmel ein Neuer/eine Neue gesichtet wird. Der oder die bleibt nicht lange sitzen, er oder sie wird sofort aufgefordert. Denn mit jedem Neuen und jeder Neuen flammt bei irgendjemandem eine Hoffnung wieder auf: Vielleicht kann man sich ja doch noch mal verlieben.
Das mit der Liebe hört eben niemals auf.
Claudia Wessel

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