Lebensabschnitte

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Ob mit oder ohne Lebensabschnittspartner nimmt das Leben so oft neue Richtungen ein, dass es mir manchmal vorkommt, als hätte ich ein neues Leben begonnen. Vielleicht werde ich wegen der Intensität, die ich gerade für das Leben, den Lebensabschnitt, empfinde, keine 103 Jahre alt, sondern nur 95, aber ich kann sagen: Ich habe gelebt.
Intensiv leben, das ist, was ich auf der Kanareninsel La Palma gelernt habe. Ob Arbeit oder Vergnügen – vieles ist hier exzessiv. Vielleicht heiβt es deshalb: Entweder du liebst die Insel oder du kommst nie wieder.
Intensiv erleben. Die Natur einatmen, den Körper des Partners spüren, abermillionen Sterne die Seele berühren lassen. Der berauschende Duft der harzigen Kiefern, das Aroma des naturbelassenen Weines, die Weite des Atlantiks – irgendwo dahinten liegt Amerika.
San Borondón, die Insel, die eigentlich nur von Tazacorte aus zu sehen ist, taucht ganz selten auch im Norden auf. Im Sonnenuntergang eines Augustabends. Einem Vulkanausbruch gleich, zeichnet sich die feurige Silhouette der Insel blutrot am Horizont ab.
Anfangs hatte ich Albträume, wie so viele Residente oder auch Langzeiturlauber auf der Insel. Alles Unverarbeitete scheint hochzukommen. Tagsüber genieβt du die unglaubliche Vielfalt und Schönheit der Vulkaninsel und nachts holen dich alle verdrängten Geschehnisse der Vergangenheit ein.
Hier habe ich endlich den Tod meines Vaters beweint – fast 3 Jahre später.
Ich habe mich neu entdeckt. Meine positiven und meine negativen Seiten. Intensiv erlebt.
Manchmal habe ich eine Papaya geraubt; Avocados, Bananen geschenkt bekommen. Gelernt aus billigstem Mehl, Wasser und Salz ein genieβbares Brot zu backen. Auf La Palma gibt es kaum wilde Früchte, Pilze auch nur in den Herbst- bzw. Wintermonaten und doch, um hier zu verhungern, muss man/frau sich schon sehr dumm anstellen. Auch das habe ich gelernt.
Neue Kontakte, Nachbarn, Freunde – der Mensch zählt. Dir wird geholfen, oft ohne darum bitten zu müssen. Die ArbeitskollegInnen, die mehr Zeit auf der Arbeit als in ihrem privaten Zuhause verbringen und (fast) alles mit dir teilen.
Im „velatorio“, in dem der Vater meiner Arbeitskollegin aufgebahrt war, habe ich mehr Tränen vergossen als manch enger Angehöriger. Nicht wegen des Vaters meiner Kollegin, den ich auch kannte. Nein, die Tränen galten meiner Mutter, die wenige Wochen zuvor verstorben war.
Auch das gehört zum Leben an einem anderen Ort: Fern der Heimat sein. Ich wusste, meine Mutter liegt im Sterben. Fast eine Woche beten und bangen. Ich komme, Mutti. Halt durch, bitte. Und endlich hob mein Flieger ab. Fast hätte ich ihn wegen einer Reifenpanne verpasst. Und dann sah ich auf einer Seite der glänzenden Schwingen die Sonne unter- und den Mond aufgehen. Ein unvergesslicher, intensiv gelebter Moment mehr in meinem Leben.
Sofort am Morgen nach meiner Ankunft in Deutschland besuchte ich meine todkranke Mutter. In der gleichen Nacht starb sie. Es war, als hätte sie nur auf mich gewartet.
Das Leben intensiv leben, mit guten wie schlechten Erfahrungen, und mich ganz und doch ganz klein fühlen – das bedeutet für mich das Leben auf La Palma.
Ines Dietrich

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