Langstreckenlauf in Gotha

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Wenn sich eine Stadt eine Schriftstellerin einlädt, dann ist das ungefähr so, wie wenn ein Theater sich aus der Ferne eine Regisseurin einlädt, um einen Klassiker zu inszenieren. Jeder kennt das alte Stück. Wozu überhaupt noch ins Theater gehen? Nun, weil man das Stück in eben dieser Handschrift so noch nicht gesehen hat.
Gotha hat mich, die neue Kurd-Laßwitz-Stipendiatin, nicht nötig, um wunderschön, leuchtend, golden und prachtvoll zu sein, aber ich werde durch die Lupe meines Ichs und meines Schreibens einen besonderen Blick auf dieses Gotha werfen. Schon an Ostern hatte ich für ein paar Tage die Gothaer Luft geatmet, bekam eine Jahreskarte für das Schloss Friedenstein verehrt, und bei der Stadt-Bad-Eröffnung schenkte mir eine blonde Dame ein plüschiges Seepferdchen.
Jetzt bin ich richtig da mit Kleidern und Büchern – und das für sechs Monate.
Am Montag kam ich aus Saarbrücken hier an. Was mir beim ersten Stadtbummel angenehm auffiel: Aus den Läden drang keine Musik, die Stadt ist belebt und trotzdem still. Das stimmt friedvoll. Auch legte die Zeit über viele Häuser die Harmonie der Natur. Die alten Häuser wirken, als wären sie aus den Straßen herausgewachsen, die Wände buchten sich, die Dächer senken sich wie Pferderücken.
Am Nachmittag gab es gleich barockes Himmelstheater. Über der Stadt bauschten sich die Wolken in sämtlichen Tönen zwischen Weiß und Schwarz, sodass klar war, was dann folgte: Blitze und Regengüsse. Abends drang durch das offene Fenster ein freundliches, gut gelauntes Gespräch, von dem ich nichts als „Ciao“ verstand – und Urlaubsgefühl kam auf.
Ich sehe viel Märchenhaftes: Hasen auf Säulen am Spielplatz hinter der Hützelsgasse, ein kindlich-gemütlicher Bischof auf einem Brunnen, ein Herzog, der sich vor dem Schloss die Beine in den Bauch steht, Falladas grauer Pferdekopf in einer Mauer und Kaffeehaustischchen im Kreuzgang. Im Park steht ein Baum über einer Wurzel, die wie die Zehe eines Riesen aussieht. Von den Schätzen im Schloss Friedenstein ganz zu schweigen. Im ehemaligen Museum der Natur, in dem ich zufällig einen Freund aus Leipziger Tagen traf, steht eine kleine griechische Vase, die so schön ist, dass man weinen möchte.
Sicher, ich werde die anderen Seiten von Gotha auch sehen und meinen Blick, mein Ich, nicht davor verschließen. Das kommt noch.
Jetzt heißt es erst einmal: Ankommen, Aufatmen, in den Trott einer Langstreckenläuferin verfallen – denn nichts anderes bedeutet es, Romane zu schreiben.
Sonja Ruf

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