L-Beach # 7

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Ein Wochenende an der Ostsee hat mich verändert. Mittleren Alters und immer verplant als Mutter, war ich lange nicht mehr „in der Szene“ gewesen. Die beiden letzten Male in Köln fand ich schrecklich: Junge Frauen sangen „Silbermond“ oder Kram, der sich anhörte wie schlechte Touristendisco auf Gran Canaria. Ich erkenne künstlerische Qualität. Da es mir aufgrund der Familienpflichten schwerfällt, mal einen Abend fürs Vergnügen freizugraben, gab ich auf.
Was war nun das Besondere an L-Beach? Die Vielfalt. Die Freiheit, der Platz. Wenn mir etwas nicht gefiel, ging ich einfach. Wenn mir alles auf den Sack ging, ging ich an die Ostsee. Die gebuchten Musikerinnen fand ich oft auf ihre Art klasse. Bei einem Act lachten eine gute Freundin und ich ungläubig, hysterisch, beeindruckt – die Frau zog ihr spezielles Ding durch. „Die Helene Fischer der Lesben“, sagte die Freundin. „Cool.“ – „Warum glaubst du, dass sie lesbisch ist?“, fragte ich, mir Lachtränen aus den Augen wischend. „Weil sie ständig ‚Hoch die Tassen‘ singt“, entgegnete die Freundin trocken. „Sie hat was.“ Eine andere Sängerin sah aus wie ein anorektischer Teenager mit schlechter Laune. Man hätte sie am liebsten erst gefüttert und dann übers Knie gelegt, damit sie sich fängt. Aber ihre Musik war interessant. Ich setzte mich ihr vorübergehend aus, offen für Neues.
Vier Tage voller Eindrücke, die mich revitalisierten. Die Organisatorinnen waren lustig und freundlich, serviceorientiert. Kein Vergleich mit dem düsteren Moralismus einiger früherer Lesbenveranstaltungen, an die ich mich erinnere, wo man ständig ein schlechtes Gewissen haben musste, weil man nicht permanent die Welt rettete. In Zeiten von AfD und Islamismus ist es schon ein politisches Zeichen, sich einfach ungeniert zu vergnügen, und sei es nur, dass man in der Sonne liegt oder trällert. Wir stehen im Fadenkreuz, aber wir lassen uns lesbische Lust nicht mehr nehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine beeindruckende Musikerin nennen, die ich durch L-Beach kennengelernt habe: Jeanne Added aus Frankreich. Ihr Song „A War Is Coming“ ist für mich der erste, der die neue extremistische Bedrohung für die queere Szene überzeugend in Worte fasst. Wir müssen – als Liberale – auch offen über Islamismus sprechen. Regenbogenhütten sicher machen, bevor der Wolf kommt. Noch ist Zeit.
Die Entdeckung überhaupt war jedoch Peaches. Ich kannte sie noch nicht! Weil ich so lange nicht unterwegs war, depressiv im Paar-, Kinderwunsch- und Familienvakuum gefangen. Was für ein Spaß, was für eine Befreiung! Und diese Ausnahmekünstlerin, mein Jahrgang, zeigte mir: „Hör auf zu jammern, was du alles nicht kannst, dass du alt wirst. Sexiness is in the brain. Mach einfach.“ Das praktiziere ich seitdem als Künstlerin. Es wirkt. Plötzlich sprudeln wieder die Ideen, ich kann kaum schlafen vor Energie. Ich ziehe mich jetzt auch mal zurück von der Familie und treffe coole Freundinnen oder schreibe wieder in anonymen Billigbäckercafés. Ich will mehr Spaß, verdammt.
Die junge Regisseurin Isabell Šuba („Männer zeigen Filme, Frauen ihre Brüste“) gefiel mir noch sehr. Bei manchen ihrer Ausführungen nickte ich nur müde, weil sie Kämpfe betreffen, die schon seit Jahrzehnten von Künstlerinnen geführt werden, und sie sind leider immer noch nicht ausgestanden. Vielleicht habe ich mich längst fatalistisch am Schmuddelrand der Gesellschaft eingerichtet, in der „rat bohemia“, wie die New Yorker Schriftstellerin Sarah Schulman es nennt. Dass junge Lesben für berufliche Anerkennung weiterkämpfen, ist gut. Ich mochte ihre knallblaue Brille und die Art, wie sie immer wieder, nachdenklich oder ungeduldig, auf ihrer Unterlippe kaute. Die wollte was. Sie war als Großbild zugeschaltet, weil sie krank in Berlin geblieben war.
Isabell Šuba hat eine freundliche, anarchische Intelligenz, die Humor, Machtwillen und Komplexität einschließt. Sie hat eine genuine künstlerische Intelligenz. Genau so.
Henrike Lang

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