Könnten wir uns bitte alle mal hinsetzen?

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Soll ich mir wünschen, alt oder gehbehindert zu sein? Die Frage stellt sich ernsthaft, wenn man Texte vorträgt, aber die entsprechende Veranstaltung nicht allein bestreitet. Denn dann wird, so man junge oder zumindest gesunde Beine hat, in aller Regel von einem erwartet, dass man im Stehen liest.
Weil ich keine Extrawurst gebraten bekommen, Arbeit verursachen oder generell als allürenhaft erscheinen möchte, frage ich schon gar nicht mehr, ob ich nicht auch sitzen dürfe. Zumal der Vortrag im Stehen inzwischen zur Konvention, wenn nicht zur Vorschrift geworden ist – im Fernsehen darf ja auch kaum mehr ein Sprecher oder eine Moderatorin vor der Kamera sitzen, und es würde mich nicht wundern, würden irgendwelche jung-dynamischen Optimierer demnächst dafür sorgen, dass selbst beim Radio in krampfadernverursachender Position gearbeitet werden muss.
Für alles lassen sich ja irgendwelche Begründungen zusammenbasteln – in diesem Falle Körperspannung und so ’n Zeug. Dabei gehört gerade das zu meinen Problemen mit dem Vortrag im Stehen: In dieser Haltung kann ich mich nicht nur auf meinen Text und dessen möglichst gekonnte Wiedergabe konzentrieren, sondern muss auch noch ständig darauf achten, wie ich stehe. Und wenn ich Pech habe, macht sich mein Körper selbstständig.
Obwohl ich unter einer erschreckenden Abwesenheit von Lampenfieber leide, ist es mir schon passiert, dass beim Vorlesen plötzlich mein linkes Bein zu zittern anfing. Ziemlich stark, ziemlich vollständig und kaum übersehbar. So viel zum Thema Segen der Körperspannung.
Außerdem spielt es, wenn man vor einem Mikrofon sitzt, in der Regel keine Rolle, wie groß der vorher Vortragende war. Beim Stehen zeigt sich: meist war er kleiner als ich. Dann habe ich die Wahl zwischen dem Versuch, den Mikroständer zu verstellen, was mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Slapstickeinlage endet. Oder in recht buckliger Haltung zu versuchen, in das zu niedrig positionierte Mikro zu sprechen, was an den legendären Auftritt von Ulla Wiesner beim Grand Prix 1965 in Neapel erinnert, wo sie dann auch mit einem hübschen, aber etwas bizarr getexteten Lied null Punkte …
Ich schweife ab. Dabei wollte ich eigentlich nur sagen: Ich trage kein Wollmützchen, keine klobige Nerd-Brille und keinen hippen Rauschebart. Ich trete nicht im T-Shirt auf. Ich bin fast fünfzig. Also dürfte ich auf der Bühne bitte das tun, was die davor Angeordneten längst getan haben: mich hinsetzen?
Jan Gympel

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