Julia

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Wir stehen am Balkongeländer und schauen vom fünften Stockwerk runter auf die Straße. Vor der Pizzeria gegenüber und vor den anderen Gaststätten, die wir in meiner lebhaften Wohngegend von hier aus überblicken können, sitzen Leute und schauen von ihren ausgerichteten Stühlen aus im Chor jubelnd, stöhnend oder laut redend in eine Richtung. Fußball-Weltmeisterschaft, Viertelfinale.
„Das ist es, was ich hasse“, sagt Julia. „Die Menschen leben dafür, dass sie alle das Gleiche machen. Die kleinen Kinder werden mit sechs Jahren dazu gezwungen, um sieben Uhr früh aufzustehen, um dann in der Schule alle das Gleiche zu lernen, ob sie es wollen oder nicht. Und dann verlernen sie, was sie überhaupt wollen. Alles, was man lernt und was man wollen soll, hat nur das eine zum Ziel. Geld machen. Geld, Geld und bla. Alle glauben, mit Geld kann man Leben kaufen.“
Mir fällt nichts ein, was ich dagegenhalten kann. Julia, die mich ab und zu besucht, um mit mir zu reden, ist gerade vierzehn geworden.
Sigrun Casper

Ein Kommentar

  1. Mir fällt etwas ein, das ich Julia entgegnden würde. Und auch etwas, das ich ihr gerne zeigen würde: Die rasante Entwicklung der Kommunikation in den letzten vierzig Jahren.
    Da geht der Trend, egal wohin man schaut, in die Vereinzelung.
    Vom gemeinsamen Fernseher, der (gut oder schlecht) Familienmittelpunkt war, vom Telefon, das von allen gemeinsam genutzt wurde, von gemeinsamen Erlebnissen, immer deutlicher hin zu Einzeldingen für Einzelmenschen. Wir kommunizieren über das eigene Handy und den eigenen PC, jedes Familienmitglied betrachtet den eigenen Fernseher. Wann erleben wir denn noch gemiensam? Wann können wir denn noch sicher sein, über etwas reden zu können, weil wir wissen, dass die anderen es auch gesehen haben?
    Selten.
    Und dann ist da plötzlich diese (ja, natürlich eigentlich unwichtige) gemeinsame Kommunikationsgelegenheit, und plötzlich weiß man wieder, dass viele andere für 4 Wochen auch teilnehmen.
    Es gibt Gesprächsanlässe, beim Bäcker und beim Arzt, im Freundeskreis und in der U-Bahn. Es wird gefachsimpelt, bewertet, nacherlebt, befürchtet, es wird geredet…und dann, immer wieder, und das ist noch viel seltener, wird sich gemeinsam gefreut. Fremde und bekannte Menschen feiern und lachen und freuen sich gemeinsam. Da werden rund um 90 Minuten Fußball im fernen Brasilien Verabredungen getroffen, es wird gegrillt und geschmückt und gemeinsam gebangt. Ich war auf der Fan-Meile und dort hatten sich zum Endspiel hunderttausende Menschen versammelt, von denen viele weder Argentinier noch Deutsche waren, und die sich trotzdem bunt verkleidet mit den Siegern freuen wollten. Und die noch lange von diesem Moment der gemeinsamen Freude erzählen werden. Weil das schön war. Und selten.

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