Inselschreiberin

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Autobiografisch sind meine Bücher beispielsweise, was ihre Schauplätze anbelangt. Meine Geschichten spielen da, wo ich mich gerade herumtreibe, weil es mir so schwerfällt, mir Orte auszudenken. Aktuell kauere ich mit meinem Netbook am Strand auf Hiddensee im Windschutz eines blauen Bootes. (Na ja, nicht wirklich im Windschutz, sondern direkt im Wind, weil ich sonst das Meer nicht sehen würde. Gemütlich haben kann ich es auch zu Hause.)
Und plötzlich hat meine neue Protagonistin, eine bislang vergangenheitslose Berlinerin, eine idyllische Hiddenseer Kindheit hinter sich (so idyllisch auch wieder nicht – Idylle will man schließlich erleben, aber nicht lesen). Und wer weiß, vielleicht zieht sie ja gegen Ende des Buches auch wieder her.
Bloß, warum soll es ihr besser gehen als mir? Ich könnte doch auch auf Hiddensee leben. Ich hätte ein süßes blaues Häuschen mit Reetdach in Hörweite der Wellen. Morgens, wenn ich wach würde (was ziemlich früh wäre aufgrund meines gesunden, naturverbundenen Lebenswandels), würde ich als Allererstes in die Fluten springen, sei da an Wetter, was wolle (zumindest von Mai bis September. Oder Juni bis August). Danach würde ich ein höchst eloquentes Stündchen am Schreibtisch mit Meerblick verbringen, und dann würde auch schon die eine oder der andere Geliebte wach werden, vielleicht auch ein paar Traumkinder. Der Rest des Tages zöge sich dahin als ein ruhiges Glitzern aus Schreiben, Schwimmen, Spielen mit Kindern, Sex am Meer, im Meer, am Strand, in den Dünen, Weißwein, Sanddornkuchen, Fisch (nächtens selbst gefangen von der einen oder dem anderen Geliebten).
Aber leider gibt es auf Hiddensee keine Shibari-Dojos (soweit ich weiß), keine Sexpartys, keine queeren Bars, keine Elektro-Nächte, keine Theatertage, kein Programmkino und keinen Sushi-Lieferservice. Also bleibe ich wohl vorerst, wo ich bin, und schreibe weiterhin Bücher, um nicht immer nur ich selbst zu sein.
Cornelia Jönsson

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