Ich ist nicht ich

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– oder: Warum ich es nie auf eine Lesebühne schaffen werde
Hä? Was redet der denn da? Der ist doch gar kein zartes, knackiges Jüngelchen! Und eigentlich sieht er auch nicht so aus, als wenn er mal eins gewesen wäre.
Ich merke es immer wieder: Manche meiner Texte sind nicht so recht zum Vorlesen auf einer Bühne geeignet – zumindest nicht, wenn dies durch mich geschieht. Was auch mit der Erwartungshaltung des Publikums zu tun hat, die an Erfahrungen geschult ist: Wenn auf der Bühne gelesen, wenn gar geslammt wird, geben die Akteure in gefühlten neunundneunzig Prozent aller Fälle Anekdoten aus ihrem Dasein zum Besten. Dabei geht es für gewöhnlich – nach Häufigkeit geordnet – erstens um den Lebens-, Liebes- oder zumindest Kopulationspartner, zweitens um drollige Begebenheiten aus dem eigenen Alltag in einer ungeheuer pulsierenden Großstadt oder dem Ort, in dem die Bühne steht, drittens um bizarre und irgendwie peinliche Erlebnisse aus der Kindheit. Und wenn dem Autor und nun Vortragenden das alles nicht wirklich passiert ist oder hätte passieren können, dann gibt er dies zumindest vor. Denn, mein Gott, was ist das doch alles authentisch!
Wogegen ich auch gar nichts sagen möchte. Nur gehen meine Ambitionen als Autor doch in eine etwas andere Richtung als jene, den üblichen Irrtum zu nutzen, das Ich in einem Text wäre immer identisch mit der Person des Schreibenden. Ich halte es auch für keine allzu große kreative Herausforderung, als Schlabbershirt, Schlabbershorts, Hipsterbart und ebenso modische Einheitsbrille tragender Bewohner eines in der Gentrifizierung befindlichen Berliner Innenstadtviertels ulkige Kleinigkeiten aus dem Leben eines Schlabbershirt, Schlabbershorts, Hipsterbart und ebenso modische Einheitsbrille tragenden Bewohners eines in der Gentrifizierung befindlichen Berliner Innenstadtviertels zu schildern.
Aber wenn man mir als seit eh und je mopsigem Endvierziger einen Text abkauft, in dem das Ich eine zarte Zwanzigjährige ist, ein in vollem Saft stehender Muskelmann um die dreißig oder auch ein schon recht hinfälliger Greis, dann möchte ich dies doch zum Anlass nehmen, mir einzubilden, als Autor nicht ganz unfähig zu sein.
Jan Gympel

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