Ich habe es geschafft

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– ich sitze in einer Abstellkammer.

Natürlich bin ich selbst schuld. Ich sollte mich ein bisschen mehr um meine Literatenkarriere kümmern. Dann würde ich an anderen Orten auftreten. Und vor allem würde ich allein auftreten. Was den angenehmen Nebeneffekt hätte, nicht so oft in der Garderobe zu sein.
Denn wenn man lediglich ein Teil eines Programms ist, steht man nur zwei-, höchstens dreimal am Abend auf der Bühne (das allgemeine Verbeugen am Ende nicht mitgerechnet). Die restliche Zeit sitzt man in der Garderobe. Natürlich mit den anderen Zwei-dreimal-am-Abend-auf-der-Bühne-Stehenden zusammen. Wobei es nicht unbedingt schlimm ist, den Abend im Kreis Kunstschaffender zu verbringen. Schlimm ist auch nicht, dass es in den entsprechenden Etablissements nur eine einzige Garderobe gibt, die also auch echte, etwaig von Allüren befallene Stars nutzen müssen. Unangenehm ist, dass diese Garderobe in der Regel außerdem als Abstellkammer dient.
Einer beliebten Vorstellung zufolge leben Schriftsteller entweder in ausgedehnten Hochdecken-Wohnungen, wo sie in einem geräumigen Arbeitszimmer täglich zwischen zehn und zwölf sowie zwei und vier Uhr ein wenig auf ihrem Laptop herumtippen – wenn sie dies nicht gerade in einer irre angesagten, total genial stylishen Kaffeebar tun, während sie an ihrem Lattechino mit fettreduzierter Biokondenssahne nippen. Oder sie residieren in Villen, wo neben der Pflege des gewaltigen Gartens ihre größte Sorge das Wohl der zwei Hunde, drei Katzen und vier Kinder ist, die „Ma-maaa“ fabelhaft finden, sich aber auch gern der noch patenteren Haushälterin anvertrauen.
In jedem Falle sind Schriftsteller in diesen Vorstellungen nicht allzu sehr mit Schreiben beschäftigt, mehr mit Signierstunden, Auftritten auf roten Teppichen, ausverkauften Lesungen und anderen Gelegenheiten, sich bewundern zu lassen. Es sei denn, sie scheuen die Öffentlichkeit und bleiben möglichst immer in ihrer parkettbödigen Behausung, ergeben umsorgt von – ja, wiederum der Haushälterin.
Daran sollte man als Schreiberling immer denken, wenn man zwischen Kleiderstangen voll Kostümen, Stapeln von Getränkekisten, Pappmachédekorationen, Requisiten, Gerümpel sowie allerlei Zeug sitzt, das man auf der durchgesessenen, speckigen Couch vorsichtig zusammengeschoben oder von einem wackligen Klappstuhl geräumt hat, um sich irgendwo niederlassen zu können: Die Garderobe mag fast ein Fall für Amnesty international sein. Aber die da draußen, die bewundern dich für dein mutmaßlich glamouröses Künstlerleben. Die denken, du hast es geschafft.
Jan Gympel

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