Häuslicher Sex/Zurück zur Natur

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Während eines Spaziergangs an der Porta Westfalica fragte ich meinen Liebsten, welches Thema er im „schwulen Auge“ wirklich spannend fände. „Häuslicher Sex“ war seine spontane Antwort! Jedes Extrem, jeder Fetisch, jede noch so große Provokation scheine ausgereizt, was die Leute wirklich machen, wie der sexuelle Alltag aussieht – das interessiere ihn. Das Echte, Ungeschminkte, Natürliche. Inmitten der blühenden Idylle der Weserauen ergänzte ich das mit dem Aufruf und Motto „Zurück zur Natur“ – was uns als eine folgerichtige Ergänzung erschien.
Wie sieht das nun in unserem eigenen Leben aus? Als einen ganz besonderen und aufregenden Aspekt unserer Liebe empfand ich von Anfang an unseren Hang zu Sex in der Öffentlichkeit. Gerade nicht im Bett, auch sonst nirgendwo im Liegen. Das Schlafzimmer ist für uns eher der Ort zum vertrauten Schmusen, zum Vorlesen und Schlafen. Natürlich auch mal zum Sex. Aber besonders aufregende, intensive Erlebnisse hatten wir auf Spaziergängen, im Lift oder Korridor des Schwesternwohnheims, wo er damals wohnte, auf Bäumen, Dächern und Bergen oder buchstäblich auf der Straße. Je größer die Gefahr, plötzlich von Passanten oder Wanderern entdeckt zu werden, desto geiler.
Geradezu filmreif fühlten wir uns, als wir uns in der Kleinstadt eines Nachts auf der Friedhofstraße an die Wäsche gingen und mit heruntergelassenen Hosen plötzlich im Lichtkegel eines Autoscheinwerfers standen. Der Wagen fuhr weiter, um kurz darauf zu wenden und nochmals langsam an uns vorbeizufahren. Drinnen saßen lachende Jugendliche.
„Freedom is just another word for nothing left to lose“, sang Janis Joplin …
Gerne treiben wir es in der Küche. Dort gibt es Störungen aller Art: der Teekessel pfeift, das Telefon klingelt, die Pizza muss aus dem Backofen gezogen werden, ehe sie verbrennt.
All das mit in den Kniekehlen hängenden Hosen und tropfenden Schwänzen, die versehentlich an der Spüle anstoßen.
Einmal haben wir uns gegenseitig in der Wohngemeinschaftsküche einen geblasen, als der Freund meiner Mitbewohnerin hereinkam und sich direkt neben uns Zigarette rauchend einen Kaffee aufbrühte. Dabei hat er uns aufmunternd zugezwinkert.
Grundsätzlich wirkt die Anwesenheit anderer Menschen auf uns eher animierend als hemmend. Dabei kommt es manchmal zu aufregenden, amüsanten und natürlich auch zu ärgerlichen Zwischenfällen. So geschehen während einer Silvesterparty in meinem Atelier: wir ließen uns zu einem Dreier im Flur hinreißen, während der Großteil der Gäste noch beim Dessert saß. Ich pisste meinen auf dem Boden knienden Liebsten an, der einem Gast die Eier langzog. Andere kamen dazu und machten mit. Als die Situation gerade völlig außer Kontrolle geriet, drängte sich ein verstört dreinschauendes Freundespaar im engen Flur an uns vorbei und murmelte Abschiedsworte. Ich werde ihren Gesichtsausdruck nie vergessen.
Dieser gemeinsame Hang zu Sex in der Öffentlichkeit kommt mir als Fotografen sehr entgegen. Unter dem Vorwand, aufregende Fotos an interessanten Orten zu schießen, sind wir etwa in New York heimlich auf das Dach eines alten Wolkenkratzers gestiegen. Oder haben uns in schwindelerregender Höhe auf einem Brückenpfeiler über der Weser geliebt, alles mit der Kamera in der Hand und mit fortgesetzten Adrenalinstößen in den Beinen. Dieselbe Hochspannung hatten wir in den gigantischen Marmorsteinbrüchen von Carrara. All das erinnert mich an meine Zeit als angehender jugendlicher Zirkusartist und Zauberer: möglichst schwierige Aufgaben quasi unter Lebensgefahr zu bewältigen. Und natürlich mit Zuschauern. Im Falle des New Yorker Hochhauses und der Weserbrücke waren die Leute allerdings weit genug entfernt, so dass wir ohne weiteres hätten davonlaufen können.
Ihr findet das seltsam? Vielleicht. Es ist diese Abenteuerlust, womöglich eine Sucht nach Gefahr, nach Mutproben, die uns verbindet. Ich für meinen Teil habe das von meinem Vater geerbt, der sich als Segelflieger und Hochgebirgskletterer immer wieder neuen Gefahren ausgesetzt und seine Familie in Angst und Schrecken versetzt hat. Ihm ist nie etwas passiert. Vielleicht kommt daher das Vertrauen, dass nichts Schlimmes passieren wird. Und das, obwohl ich eigentlich ein ängstlicher Mensch bin, schon als Kind und immer noch „Hase“ genannt werde – ich habe Angst, aber trotzdem …
Anstelle eines Eheringes haben wir uns in einer Zeremonie gemeinsam ein Prinz-Albert-Piercing stechen lassen. Bei mir tat das verdammt weh – mein Geliebter drückte mir zärtlich seine große Hand auf den Mund.
Und es ist nicht lange her, dass wir in unserem schönen nachtblauen Mercedes /8 mit quietschenden Reifen zentimeterdicht vor zwei schmucken Mailänder Carabinieri anhielten, woraufhin diese instinktiv ihre Pistolen zogen – nur um sie freundlich nach dem Weg zu fragen.
Rinaldo Hopf

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