Fragen an Fotografinnen: Anja Müller

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Wie kamst du zum Fotografieren?
AM: Als Kind habe ich die meisten Ferien bei meiner Oma verbracht. Außer meiner Oma lebten noch zwei ihrer Schwestern und ein Bruder in deren elterlichem Haus im Erzgebirge. Der unverheiratete und kinderlose „Onkel“ Erich war etwas wunderlich, er sprach nicht viel, warf Fünfmarkstücke in die Luft, wenn ich 100 Kniebeugen gemacht habe, liebte Holz und Fotografie. Ich mochte ihn, auch wenn ich ihn nicht verstand. Seine Bilder haben mir die Kindheit meiner Mutter anschaulich gemacht. Einmal zeigte er mir Landschaftsaufnahmen und erklärte in seiner recht knappen Art, was wichtig ist für ein schönes Naturbild. Von Onkel Erich bekam ich mit 15 meine erste Spiegelreflexkamera, eine Exakta mit Lichtschacht. Bis dahin hatte ich mit einer Beirette fotografiert. Mein älterer Bruder bekam zu seiner Jugendweihe ein Fotolabor in einer von unserer Küche abgehenden Kammer eingerichtet. Ich weiß nicht, ob er das mehr als einmal nutzte. Mein Vater hat dort die Familienschnappschüsse entwickelt, aber recht schnell wurde es meine Dunkelkammer und auch ein Rückzugsort.
Bist du hauptberuflich Fotografin? Was fotografierst du?
AM: Mit 15 habe ich meine erste Körperfotosession gemacht und mit 17 die ersten erotischen Aufnahmen. Nachdem ich mir diese Bilder angeschaut habe, wurde mir, in der elterlichen Wohnung zwischen Küche und Flur stehend, schlagartig und zutiefst klar, dass ich meine Ausdrucksform gefunden habe und dass ich es kann, es: Menschen fotografieren. Ich habe mich schon immer für den Menschen und Beziehungen, für das Bewusste und das Unbewusste interessiert. Also habe ich Pädagogik studiert und weiter fotografiert.
Hast du Fotobände veröffentlicht? Zu welchen Themen?
AM: Mit dem inzwischen zum Standardwerk gewordenen Lesbensexbuch Schöner Kommen, für das ich alle Fotos gemacht habe, und mit meinem parallel erschienenen ersten Bildband Frauen bin ich 2000 in die fotografische Hauptberuflichkeit gegangen. Danach folgten weitere Bildbände mit erotischen Porträts: Männer, Paare. Das Buch 60plus, das 2003 erschien, war eine Art Zusammenfassung und Kulmination meines bisherigen Schaffens. Es zeigt Männer und Frauen ab 60 Jahren in intimen und erotischen Situationen, für mich eine Suche nach dem Wesentlichen, nach dem, was bleibt und entsteht.
… aller Liebe Anfang von 2004, mein erstes Buch in Farbe, wurde ein poetisch intimes Geschichtenbuch aus Fotografien: Männer, Frauen, Blumen, Interieurs, Stillleben. Aus meiner Liebespartnerschaft mit der Fotografin Barbara Dietl entstand 2006 das Buch „ICHDICH“. Das kleinformatige Buch zeigt Ausschnitte aus drei Jahren unserer Beziehung, in denen wir uns gegenseitig fotografierten, ein Buch über die Liebe, das Anschauen und Sich-Zeigen. Barbara Dietl gab mir auch den Anstoß für den 2008 erschienenen Bildband Mittendrin – Frauen zwischen 45 und 55. 2010 folgte Frauen.2 und 2015 Paare.2 – beides vom Titel her Nachfolger der in den 2000ern erschienenen Bücher, aber doch ganz andere: Man sieht den Farbfotografien die dazwischenliegenden Jahre Lebenserfahrung an. Die Fotografien und die Bildzusammenstellung in den Büchern sind stärker, lebendiger und dichter als die Bilder aus meinen Dreißigern. Schön, die Entwicklung zu sehen, aber auch den Anfang.
Wie gehst du beim Fotografieren vor? Worauf achtest du? Wie lange dauert ein Fotoshooting? Fotografierst du im Studio, draußen etc.?
AM: Barbara Dietl hat das 2004 mal sehr passend beschrieben: „Anja Müllers Fotografie ist eine Grenzwanderung zwischen Inszenieren und Authentizität. Sie führt dabei strenge Regie, sie gibt genaue Anweisungen zur Körperhaltung, zum Blick und zur Erscheinung. Dies, aber auch der klare Hinweis „nein, so nicht, das sieht nicht so gut aus“ gibt den Menschen vor der Kamera ein Gefühl von Sicherheit, sich zu trauen und zu experimentieren, geleitet von ihrem sensiblen Auge sind sie aufgehoben und schamlos mit ihrer Nacktheit. Anja sucht sich meist Menschen aus, die nicht im landläufigen Sinne schön sind, sie sind zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung, zu männlich, zu weiblich, zu … Und so wie Nacktheit erst durch Unvollkommenheit wirklich nackt im Sinne von Zeigen wird, so entsteht Erotik im Strahlen, im Kontakt, in der Individualität, im Zeigen der Schönheit des Eigenen. Der Blick der Fotografin sondiert nicht nach Geschlechtsidentitäten oder Altersgruppen.“
Wie kamst du zum konkursbuch Verlag? Hast du eine besondere Beziehung zu „Mein heimliches Auge“?
AM: Nachdem mich Maxi Obexer mit meinen Bildern zu ihrer Freundin Christina Nord, die damals bei der Siegessäule arbeitete, schickte, war die Redaktion der Siegessäule interessiert und zeigte 1998 eine Fotoserie mit Sex-Bildern von mir. Manuela Kay wurde so auf mich aufmerksam und fand, ich sei die Richtige für die gemeinsame Umsetzung ihrer Idee von einem Lesbensexbuch. Gleichzeitig empfahl sie mir, Bilder an den konkursbuch Verlag zu schicken, da dieser gerade für ein Mein heimliches Auge noch Bilder suchte. Als ich dann mein Belegexemplar des „Auges“ durchschaute, wurde mir ganz schwindelig, so viele meiner Bilder in dieser Ausgabe gedruckt zu sehen. In der Liste der AutorInnen stand dann unter meinem Namen nicht nur mein Geburtsdatum, sondern auch: „Buchprojekt in Vorbereitung“. Ich wusste bis dahin noch nichts davon, habe es aber ernst genommen. 2000 kam dann mein erstes eigenes Buch im konkursbuch Verlag heraus: Frauen.
Wer oder was inspiriert dich bei deiner Arbeit?
AM: In den Büchern Frauen, Männer, Paare ist zu erkennen, dass ich mich erst mal durch die Geschichte der Schwarzweiß-Fotografie durcharbeiten musste, die vielen Bilder, die ich bis dahin bei anderen gesehen hatte und mir gefielen, musste ich erst wieder aus mir „rausfotografieren“, mich davon befreien, um einen eigenen Stil zu entwickeln. Die Beziehung mit Barbara Dietl war auch von einer großen fotografischen Auseinandersetzung geprägt und beeinflusste ganz sicher meine Fotografie. Außerdem schaue ich mir gern Ausstellungen und Fotobücher mit Porträts an.

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