Fragen an Autorinnen: Sonja Ruf

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Bist du hauptberuflich Schriftstellerin oder hast du noch eine andere Arbeit?
SR: Drei Tage die Woche betreue ich als Erzieherin nachmittags Schulkinder, vier Tage habe ich zum Schreiben frei. Das ist ideal: drei Tage wie im Taifun, vier Tage in der Stille und Einsamkeit. Davor hüpfte ich von Ast zu Ast, das heißt, ich lebte von Arbeits- oder Aufenthaltsstipendien, Lesungen, Kursen in kreativem Schreiben und jobbte in allen möglichen Berufen von der Briefzustellerin bis zur Lokaljournalistin.
Wie kamst du zum Schreiben?
SR: Das weiß ich nicht, denn schon als achtjähriges Kind begann ich, Tagebuch zu schreiben, als Elfjährige formulierte ich im Tagebuch den Berufswunsch Schriftstellerin. Ich wollte schreiben, noch bevor ich lesen konnte, wollte es schon immer. Die Lust dazu muss über das Fantasieren, über das Geschichten-Erzählen, Geschichten-Hören gekommen sein, oder es haben mich ganz einfach die Musen schon in der Wiege geküsst.
Was war das letzte Buch, das du veröffentlicht hast? Worum geht es? Wie kamst du auf die Storyidee?
SR: Das letzte Buch im konkursbuchverlag heißt „Erste Lieben“. Die Personen im Buch sind erfunden, aber das Gefühl der ersten Liebe ist wahrhaftig nachempfunden, da ich aus meinen eigenen Tagebüchern weiß, wie es sich anfühlt, das erste Mal kompromisslos, intensiv, im Bösen wie im Guten zu lieben. So ein Buch muss einmal im Leben geschrieben werden. Schon lange trug ich es in mir und musste nur den richtigen Moment abwarten, es zu schreiben.
Danach veröffentlichte ich noch „Blicke auf Gotha“. Dort sind die Kolumnen versammelt, die ich für die Thüringer Allgemeine Zeitung schrieb, als ich Stadtschreiberin von Gotha war. Es ist ein kluges, kleines Buch geworden, in das ich als Spaziergängerin durch Gotha und Weimar alles eingeflochten habe, was ich über das Leben weiß.
Wie gehst du beim Schreiben vor? Hast du bestimmte Methoden, Rituale etc.?
SR: Idealerweise schreibe ich morgens mit der ersten Tasse Kaffee und bleibe drei, vier Stunden am Laptop, nachmittags gehe ich im Wald spazieren und denke über die Arbeit nach. Abends lese ich, was ich morgens geschrieben habe und verbessere oder füge hinzu. So vergeht pro Roman ein glückliches Jahr, in dem in den Träumen und im Wald die Ideen wie die Sternschnuppen auf mich herunterrieseln. Dann kommt das mühsame zweite Jahr, in dem ich eine zweite, dritte, vierte Fassung des Romans schreibe und dann den Text Wort für Wort, Zeile für Zeile korrigiere. Während dieser Zeit kündigt sich meist schon der nächste Roman an.
Basieren deine Figuren auf Menschen, die du kennst, oder sind sie frei erfunden?
SR: Meine Romanfiguren sind stets durch echte Begegnungen inspiriert. Meine Tagebücher sind Menschenbücher, eine Sammlung von Charakteren, die schier unerschöpflich ist. Aus diesem Fonds vermische ich, wirbele durcheinander, mache unkenntlich und lege falsche Spuren.
Wer ist deine liebste Figur, die du je erschaffen hast?
SR: Hilke Maaß aus „Sprungturm“, weil ich in sie und die Frau, die mich zu Hilke inspirierte, verliebt war. Und dann die Tina-Amelia aus „Erste Lieben“, weil sie so stark liebt und so unmoralisch agiert, um diese Liebe zu gewinnen. Ich mag skurrile Leute – im Leben wie in der Literatur. Ich wäre mit meinen Romanfiguren meist gern selbst befreundet, fürchte aber, sie fänden mich zu langweilig …
Schreibst du nur in einem bestimmten Genre? Welches? Was interessiert dich daran?
SR: Ich schreibe Romane und Erzählungen, weil ich eine Erzählerin bin, ganz einfach.
Wie kamst du zum konkursbuch Verlag?
SR: Über das „Heimliche Auge“. Die Frankfurter Schriftstellerin Heike Reich empfahl mir, einmal einen Text an das „Heimliche Auge“ zu schicken. Damals war ich noch Studentin und hatte noch nichts Fiktionales veröffentlicht. Ich schickte ein paar kleine Sachen nach Tübingen – und tatsächlich: Sie druckten es ab! Während der Frankfurter Buchmesse lernte ich Claudia Gehrke kennen und mögen, und als dann später der Verlag, in dem mein erster Roman erschien, verkauft wurde, wechselte ich ganz zum konkursbuch Verlag, dessen „Love Bites“ Shows nicht so staubtrocken sind wie die Autorenlesungen anderer Häuser.
Was für Bücher liest du selbst gerne? Nenne ein paar deiner Lieblingsautoren.
SR: Ina Paul, Yoko Tawada, Jannis Ritsos, Anais Nin, Jean Rhys, Emily Bronte, Djuna Barnes, Fjodor M. Dostojewski, Joseph Conrad, Bodo Kirchhoff, Michael Ondaatje, Jayne Anne Philips, Kenzaburo Oe, Halldor Laxness, Andrea Dworkin, Jean Genet usw. – ich liebe auch die archaischen, starken, anonymen Texte der Weltliteratur, z.B. das Gilgamesch-Epos, das Alte Testament, die Volksmärchen aus aller Welt usw.
Welches Buch liest du gerade?
SR: „Kyra Kyralina“ von Panait Istrate, in der der rumänische Autor die Geschichte des homosexuellen Stavrus und seiner wunderschönen und lebhaften Schwester Kyra beschreibt. Ein Buch wie ein grausamer Rausch für eine Nacht.
Hast du eine besondere Beziehung zu „Mein heimliches Auge“?
SR: Seit ich dort 1992 zum ersten Mal veröffentlichte, finden sich in jedem „Heimlichen Auge“ und in vielen „Lesbischen Augen“ meine Texte. Ich freue mich immer auf die neuen Ausgaben, weil stets das eine oder andere Bild, der eine oder andere Text dabei ist, der mir Lust auf Sex und also auf das Leben macht. Außerdem sind die „Augen“ ein wenig wie Tagebücher, denn ich kenne viele der „Macher“, die Dargestellten, die AutorInnen, MalerInnen oder FotografInnen.

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