Falls man das heute noch so nennt

| 1 Kommentar

Ich habe seit Neuestem einen mp3-Player (ein bisschen spät, ich weiß), obwohl ich Kopfhörer hasse, vor allem diese Stöpsel, die mich an Tampons, HNO-Ärzte und Penetration der eher unangenehmen Sorte erinnern, und obwohl klassische Musik als mp3 grauenhaft klingt, blutleer und flach (Bach & Co. wären sicher sehr erstaunt über das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit), aber ich nutze ihn für Popmusik – falls man das heute noch so nennt. Ich weiß, dass Musikhören auch mit dem Handy (das nennt man heute nicht mehr so!) geht, aber ich wollte Musik und Telefon strikt trennen. Da ich also Kopfhörer hasse, legte ich beim Kauf Wert darauf, dass ich das Gerät auch an meiner Stereoanlage anschließen kann – falls man das heute noch so nennt. Ich höre häufig einen bestimmten Berliner Radiosender (und wundere mich manchmal, dass es das oft totgesagte Medium Radio noch gibt), der mir die richtige Mischung aus kurzen Nachrichten, Kulturinformationen und eben Popmusik bietet. Wenn mir ein Song gefällt, was ich meistens schon nach ein paar Sekunden entscheiden kann, notiere ich mir Sänger/Sängerin (nennt man die noch so?) oder Band und Titel und erwerbe ihn. Natürlich gebe ich Geld aus für einen Song, der mir gefällt, ich will ja auch, dass die Leute meine Bücher kaufen. Schöne neue Welt, in der man einen einzelnen Song kaufen kann, obwohl es das ganz früher ja auch schon gab, man nannte es Single, aber es gab eben nicht von allen Liedern, die man mochte, auch eine Single, und so kaufte man früher oft die ganze LP, Langspielplatte, hörte auch die ganze LP, hatte Lieblingslieder darauf und welche, die man weniger mochte, machte sich Gedanken über das Gesamtkonzept des Albums, das alles fällt mit dem Kauf eines einzelnen Liedes weg.
Ach, und die Kassetten früher! Kennt ihr anderen Babyboomer noch die Kassetten? Liebesgaben für angebetete Personen, in meinem Fall für die diversen Frauen, in die ich verliebt war. Hör zu, war die Botschaft, was du hörst, ist meine Seele! Klingt meine Seele nicht toll? Ich war eine emsige Kassettenproduzentin. Die Kassetten sollten also für meine Seele sprechen, sie gewissermaßen zum Ausdruck bringen, als hätte ich dieses ganze Zeug selbst komponiert und gesungen (dabei konnte ich nie etwas anderes als Schreiben). Und das „Cover“ für die Kassettenhülle musste angefertigt werden. Basteln für Erwachsene. Bzw. Spätpubertierende. Ich glaube, mir war nie langweilig, obwohl es damals noch gar kein Internet gab.
Zurück zum Download einzelner Songs. Es steht wohl nicht zu befürchten, dass es uns Autoren eines Tages auch so geht. Dass Leser für wenig Geld statt das ganze Buch (Ach, das ganze Buch? Will ich gar nicht lesen, muss ich mich ja konzentrieren! Und vielleicht mag ich das ganze Buch gar nicht?) nur den Schluss eines Krimis kaufen oder den Anfang oder ein besonders spannendes Kapitel.
Regina Nössler

Ein Kommentar

  1. Was man sich allerdings vorstellen könnte, wäre der Verkauf von Kurzgeschichten als E-Book- oder andere elektronische Datei: Eine Story ein Euro oder so.

    Dagegen steht natürlich die Geringschätzung, wenn nicht Verachtung der Kurzgeschichte im deutschen Sprachraum, und zwar nicht zuletzt bei den Endverbrauchern (sprechen wir doch gleich ganz offen in ökonomischen Kategorien). Letztere scheint man ja in zwei Kategorien unterteilen zu können: Die einen kaufen Literatur nach Gewicht, und zwar nicht dem künstlerischem. Da lautet das – durchaus verständliche – Motto „Für zwanzig Euro möchte ich mindestens zwei Wochen lang was zu lesen haben“. Je nach Schriftgröße sollte der Schmöker also nicht weniger als drei- oder vierhundert Seiten zählen. Die anderen haben irgendwo mal aufgeschnappt, der Roman würde die Königsdisziplin der Literatur darstellen. Klaro, zu Goethes oder Shakespeares oder Homers Zeiten war das noch anders, aber wer liest die heute schon noch? (LESEN, nicht lediglich loben oder Shakespeare-„Verfilmungen“ angucken!) Um diese zweite Leserkategorie zum Kauf eines Buches zu bewegen, muß auf diesem folglich „Roman“ stehen. Auch wenn es sich in Wahrheit um eine Erzählung handelt oder um eine Novelle, auch wenn auf dem Buch bei seiner Erstveröffentlichung vor Jahrzehnten genau dies gestanden hat, auch wenn der „Roman“ nicht mehr umfaßt als hundertdreißig Seiten, und zwar recht luftig bedruckte.

    Angesichts dieses Konsumentenfelds haben die meisten Verleger natürlich vollkommen recht, wenn sie die Veröffentlichung von Kurzgeschichten noch weniger in Erwägung ziehen als die von Gedichten. Mit letzteren läßt sich zwar auch kaum etwas verdienen, aber Lyriker gelten gerade deshalb als ein wenig versponnen, in jedem Falle sehr vergeistigt, und besitzen dementsprechend einigen Unterhaltungswert. Die Kurzgeschichte mutet dagegen zumindest dem deutschen Literaturfreund eher amerikanisch, modern, sachlich an. Kann man eigentlich nur verkaufen, wenn ein (sehr) junger Herr oder eine junge Dame darin irgend etwas aus dem Intimbereich berichten, am besten möglichst drastisch und mit viel Fäkalsprache, weil das dann so schön authentisch wirkt. Aber, hey, das sollte sich doch auch gleich zu einem dieser 130-Seiten-Romane ausbauen lassen! Zur Not füllt man es eben mit irgend etwas auf, das man sich zusammengeklaut hat, zum Beispiel aus dem Internet.

    Da nicht zuletzt dieses das Aufmerksamkeitsdefizit zur Volkskrankheit gemacht hat, sollten Kurzgeschichten eigentlich eine enorme Nachfragesteigerung erleben. Daß dies nicht geschieht, gehört zu den ebenso großen wie wenig beachteten Rätseln unserer Zeit. Aber ich frage mich ja auch, weshalb Menschen in Lesungen gehen, um dort drei von zwölf bis zwanzig Kapiteln eines Romans vorgetragen zu bekommen. Ich gehe ja auch nicht ins Kino, um da dreimal zehn Minuten eines Zweistundenfilms zu sehen. Viel lieber würde ich doch in der Lesung ein paar Kurzgeschichten hören. Zumal ich dann immer auf die nächste Story hoffen könnte, wenn ich feststellen sollte, daß mich das Thema eines Textes nicht interessiert. Und dann erst abends: Statt eines Kapitels lieber eine Kurzgeschichte als Betthupferl (und womöglich Einschlafhilfe)!

    Also ich würde dafür schon mal einen Euro riskieren.

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: