Er starb dann auch, an einem Samstag

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Richtig gut ging es ihm schon geraume Zeit nicht mehr. Er zeigte immer mehr Macken und Schwächen. Manchmal reagierte er nervtötend langsam. Neulich ist er dann gestorben, natürlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Am frühen Samstagabend gab mein Computer den Geist auf.
Manche Menschen halten sich Haustiere. Andere geben Gegenständen – etwa ihrem Auto – Namen. Ich als Schreiberling habe eine besondere Beziehung zu meiner Schreibmaschine. Was, ungeachtet aller angenehmen Funktionen, die er noch erfüllen kann, auch ein moderner Rechner für mich in erster Linie ist.
Der jetzt verschiedene war Nummer neun, nach drei Reiseschreibmaschinen, einem wie ein damals noch unerschwinglich teurer Laptop aussehenden Thermodrucker, je einer elektronischen Schreibmaschine ohne und mit DOS-kompatiblen Disketten, dem ersten Computer und einem Laptop. Nicht mitgerechnet eine frühe Spielzeugschreibmaschine, bei der durch Drehen eines Rades ein Buchstabe gewählt und dann durch Betätigen eines Hebels gedruckt werden konnte, derweil die Tastatur nur aufgemalt war – so wie bei den Peanuts auf Schroeders Klavier die schwarzen Tasten. Nein, noch schlimmer.
So wichtig alle diese Geräte waren, so sehr ihre Hinfälligkeit mich in Verzweiflung gestürzt hat – Namen gegeben habe ich ihnen nie. Und auch sonst keine allzu enge Beziehung zu ihnen aufgebaut. Im Gegenteil. Es sind ja auch gar nicht alle vollständig kaputt und unbrauchbar – über viele ist einfach die Zeit hinweggegangen, sie noch zu benutzen, wäre zu aufwendig oder aus anderen Gründen unpraktisch. Wie im Falle meines ersten richtigen Rechners mit seinem 128 MB kleinen Arbeitsspeicher, einem 20 GB fassenden Festplättchen und einem seltenen Betriebssystem.
Zum Glück kann man mit Dingen machen, was sich mit Menschen nicht gehört: Sie einfach ausrangieren, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren oder durch etwas Besseres ersetzt werden können. Doch so schnöde dies Verhalten anmuten mag, auch daraus lässt sich etwas Wertvolles lernen: Man sollte sich eben nicht zu sehr an irgendwelche Güter hängen. Auch deshalb hat mein neuer Rechner nur dreihundert Euro gekostet. Gehe ich doch davon aus, dass auch wir nur vier oder fünf Jahre miteinander verbringen werden, bis er zu Elektroschrott wird.
Jan Gympel

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