Eindrücke von der Leipziger Buchmesse

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Die Glashalle der Messe erinnert mich immer an frühere Industriepaläste aus der Gründerzeit. Sie strahlt einen hellen, großzügigen Optimismus aus, wie er vielerorts verloren gegangen ist. Leipzig gefällt mir baulich. Wie andere ostdeutsche Großstädte ist es weitläufig, neu und fast menschenleer. Man fühlt sich wie in einer Städtelandschaft des Malers Giorgio de Chirico. Andere mögen diese stille Geräumigkeit deprimierend finden – etwa neue Regionalzüge ohne einen einzigen Passagier –, auf mich als Kölnerin wirkte sie entspannend. Zurück im Rheinland litt ich an Gewimmel.
Bei den „Love Bites“, der erotischen Revue des konkursbuchverlags, sind die Garderobengespräche immer nett. In Leipzig waren wir Künstlerinnen entre nous, der Pianist blieb im Publikum. Es ergab sich ein herrlich offener Austausch, der nicht eiferte:
A: „Was findest du an einem Vibrator? Ich will doch einen richtigen Menschen!“
B: „Ja, aber wenn der gerade nicht da ist und man sich mal wieder potent fühlen möchte … Es geht mir um das zeitweilige Erleben von Potenz, dass der Körper sexuell funktioniert. Bei vielen Frauen machen rasch die Finger schlapp, da hilft nur ein Vibrator, und das gewaltig!“
A.: „Vibratoren sind zweite Wahl!“
B: „Okay, ein Gerät ist etwas anderes als ein Geliebter. Aber es macht auch unabhängig!“
C (dazukommend): „Also, ich nutze es manchmal einfach, wenn ich nicht schlafen kann.“
Auf der Buchmesse sagte mir ein Journalist, mein letztes Buch sei „stellenweise pornografisch“. Das kränkte mich schwer, und ich frage mich, warum ich diesen Vorwurf bisher nur von Männern erhielt. Die müssten als Hauptkonsumenten doch besser wissen, was Pornografie ist und was erotische Literatur. Vielleicht kennen sie nur Pornofilme, und Literatur muss klassisch sein, sonst ist sie nichts. Er hätte sagen können, ich schriebe schlechte Literatur, das hätte mich auch getroffen, aber nicht so.
Über den Unterschied zwischen Pornografie und Erotik könnte man jetzt ewig streiten. Ich weiß nur, dass allzu Menschliches in der Pornografie keinen Platz hat, und das ist meine Spezialität.
Kulturpolitik interessiert mich wenig. Bei einem Radiointerview wurde ich gefragt, ob ich mich der Kritik an den überwiegend männlichen Preisträgern des diesjährigen Buchpreises anschlösse. Nein. Ich glaube fest, dass Qualität sich durchsetzt, wenn nicht heute, dann in fünfzig Jahren. Sollte es große Autorinnen geben, die im Jahr 2016 in Leipzig übersehen wurden, wird man sie entdecken, wenn frühere Literaturpreisträger längst vergessen sind. Günter Grass – wer war das noch mal?
Henrike Lang

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