Ein besonderes Weihnachtsgeschenk

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Kurz vor Weihnachten hatte ich eine Lesung, zusammen mit einer Kollegin. Beide arbeiten wir im Redaktionsteam einer Literaturzeitschrift, die ihr 30jähriges Jubiläum feierte. Wir lasen verschiedene Artikel, die wir für die Zeitschrift verfasst haben, vor allem Essays, aber auch eigenes Literarisches. Es ging also nicht darum, Autorinnen und Autoren, über die wir geschrieben haben, zum Lesen einzuladen, sondern darum, die Zeitschrift als solches mit ihrer literarischen Bandbreite vorzustellen und die Macher dahinter. Aber natürlich lagen auf dem Büchertisch auch Bücher der jeweiligen Autorinnen und Autoren, über die wir an diesem Abend lasen, darüber hatten wir sie informiert.
Kurz bevor die Lesung begann, erschien zu unserem Erstaunen eine Autorin, die uns damit in die Zwickmühle brachte. Die alte Dame war eigens von auswärts gekommen. Wir berieten, was zu tun ist. Es war ja nicht geplant, dass Autoren aus ihren Werken lesen, das hätte den zeitlichen Rahmen gesprengt, auch wäre es nicht fair, wenn nur eine einzige Autorin liest und andere nicht. Darauf angesprochen meinte sie, das wäre schon in Ordnung, das habe sie ja gewusst.
Also stellten wir sie bei der Begrüßung des Publikums lediglich vor mit dem Hinweis, dass wir heute auch einen Beitrag über sie lesen werden. Als ich dann meinen Essay über sie las und ich ihre darin enthaltenen Gedichte vortrug, denen die Zuhörer ergriffen lauschten, war das für mich schon ein komisches Gefühl, dass ich und nicht die anwesende Autorin sie las. Würde sie mit der Art und Weise, wie ich sie vortrug, einverstanden sein? Das geschah eine ganze Weile vor der Pause, die sie gar nicht abwartete, denn gleich nach dem letzten Gedicht, das den Essay über sie abschloss, und dem darauffolgenden Applaus verschwand sie so überraschend, wie sie gekommen war.
Am nächsten Tag entschuldigte sie sich per Mail dafür. Sie sei froh gewesen, vor der Pause gehen und so noch einen früheren Zug zurück nehmen zu können. Und dann gestand sie mir, dass sie nur aus Neugierde gekommen sei, sie wollte hören, wie ich ihre Gedichte lese.
Nur aus diesem Grund und für diese zwölf Minuten hatte sie die stundenlange Zugfahrt auf sich genommen?, fragte ich mich. Ja, sie hat und das ohne Reue!
„Denn“, so schrieb sie, „noch nie hörte ich meine Gedichte von jemand anderem vortragen, und es hätte sie wohl auch niemand so brillant vortragen können wie Sie. Ich glaubte, die Gedichte einer anderen Dichterin zu hören – nein, das
stimmt so wieder nicht – die Gedichte erschienen mir einfach besser, tiefer, eindringlicher, bewegender, als wenn ich sie selber lese. Für mich war es einfach hinreißend schön. Ich fühlte plötzlich: Ich bin tatsächlich jemand.“
Dieser letzte Satz bewegte und erschütterte mich zugleich. Es bewegte mich,
dass ich durch meinen Vortrag eine so große Freude und Selbstvertrauen auslösen konnte, aber es machte mich auch tieftraurig, dass sich die Dichterin trotz des stets positiven Feedbacks, das sie für ihre Gedichte erhält, erst durch mein Lesen in ihrem Selbstverständnis bestätigt fühlte. Wie gut, dass sie durch ihre Neugierde in unsere Lesung getrieben wurde! Ein Weihnachtsgeschenk für uns beide.
Renée Rauchalles

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