Die Schönheit des zu Ende gehenden Sommers

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Spazierengehen um Gotha. Der Sommer lädt dazu ein, die Zeit aufzuheben und der Welt und den Menschen ein wenig verloren zu gehen.
Einmal stieg ich zum Krahnberg hinauf, und es war so warm, dass ich aus einem der Brunnen trank, ohne zu wissen, ob es Trinkwasser war oder nicht. Jedenfalls hörte ich nicht die Stimme der Fee: „Trink nicht. Du wirst ein Reh.“
Auf einer Bank lag ich unter Bäumen, die leise der Wind bewegte. Die Bäume so von unten zu beschauen, lässt dich klein wie ein Fisch sein, der durch Korallenwälder taucht.
In fast völliger Ruhe, ab und zu durch präzise gesetzte Mückenstiche gestört, streifte ich auf Pfaden durch dichten Wald. Irgendwann öffnete sich der Wald zu einer Blumenwiese zwischen früchtetragenden Bäumen. Die Farben der Blüten, der Duft der Pflaumen, das Sonnenflirren der langen Gräser zauberten eine verschwimmende, schwirrende Atmosphäre. Und dann, als hätte sich jemand in den Kopf gesetzt, die Idylle perfekt zu machen: eine Schafherde und ein Schäfer in schwarzer Kluft. Es war fast nicht auszuhalten, so schön war das alles.
Von weit oben sah ich das Schloss Friedenstein in seiner stets aufs Neue verblüffenden Größe. Und hinab stieg ich auf einem etwa zwei Fuß breiten Weg durch einen Mirabellentunnel. Links und rechts, über mir und vor meinen Füßen hingen und lagen gelbe und rote Mirabellen. Im Gebüsch hüpften, schwirrten, sangen Vögel, und im dichten süß-säuerlichen Duft der unzähligen Mirabellen kündigte sich der Herbst an.
Ich ging durch eine Kleingartenanlage, fand den Berggarten und unweit davon einen Seerosenteich. Ein weißer Schmetterling trudelte durch die Luft, und im Wasser flitzten Fische.
Zum Glück sind hier die Autos gezwungen, langsam zu fahren. Ich mag Alleebäume und scheinbar schlechten Straßenbelag; da schlage ich mich auf die Seite der Kinder und der Spaziergänger, nicht auf die der Autofahrer. Ach, würden sich doch mehr Menschen im Auto gefangen, in den Wäldern aber frei fühlen!
Alle Wälder haben miteinander zu tun. Um Tabarz herum finde ich den Geruch meiner Mittelgebirgs-Kindheit wieder, jenen trockenen, rein wirkenden Sommerduft von Nadelbäumen. Und die Birken auf dem Seeberg lassen mich an eine Novelle von Schukschin denken, Kalina Krasnaja: Ein Mann kommt aus dem Gefängnis. Er hat jahrelang unter Männern und eingeschlossen gelebt. Kaum ist er frei, tritt er in ein Birkenwäldchen und berührt die weiße, sanfte, glatte Rinde.
Vom Seeberg aus sieht man zwischen Birken auf eine weite Ebene, die vom Thüringer Wald gesäumt ist. Der Inselberg lockt. Denn am schönsten sind immer die Berge, auf die man noch nicht gestiegen, und die Wege, die man noch nicht gegangen ist, und sind die Rätsel und Geheimnisse. Was hat es mit jenem halbrunden Gebäude mitten im Wald auf sich, dessen Stufen sich im Gestrüpp verlieren? Wo führten diese Stufen hin? Öffnet sich eine Höhle unterhalb jener Kalkfelsen oder sehen nur die Schatten so aus, als würde sich am Ende des rutschigen Hangs ein Stollen auftun? Neugierig bin ich, aber soll, darf ich es herausfinden?
Sonja Ruf

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