Die Kunst des Übersetzens

| Keine Kommentare

Was ich schon alles in meinen vier Monaten beim konkursbuch Verlag gelernt habe, ist unglaublich: Korrektorat, Lektorat, die neue deutsche Rechtschreibung, das Angebot und die Ausstattung aller Bühnen der Frankfurter Buchmesse, den Unterschied zwischen einem Moderations- und einem Gesangsmikrofon, Photoshop, aus welchen Materialien ein Buchcover sein kann, wie man den Drucker repariert. Das ist eben der Vorteil eines kleinen Verlags: Obwohl es eine Aufgabenverteilung gibt, macht jeder trotzdem (fast) alles.
Aber hier ist mein Geheimnis: Was ich am meisten liebe, ist das Schreiben. Deshalb freue ich mich immer, wenn jemand mich bittet, etwas zu schreiben, egal, ob es ein Blogbeitrag ist, ein Vorwort oder ein Pressetext. So kam es, dass ich letztens einen Text für das Vorwort eines neuen Fotobuches geschrieben habe. Und es blieb nicht dabei. Da der Fotograf viele Abnehmer im Ausland hat, mussten mein Text und der andere Vorworttext auch ins Englische übersetzt werden. So kam es, dass ich herausfand, dass ich übersetzen kann.
Ich habe fast zwei Jahre in den USA gelebt und spreche englisch, seit ich ein Kind bin, weil ich nur so mit meiner indischen Familie kommunizieren konnte. Also: Ich kann Deutsch, und ich kann Englisch – wie schwer kann es sein, einen Text von dem einen ins andere zu übersetzen? Wie sich herausstellt: verdammt schwer. Mein Text war kein Problem, er ist kurz und simpel. Aber der andere Text war eine lange Erörterung eines Schweizer Wissenschaftlers – rhetorisch hervorragend, anregend zu lesen und ziemlich beeindruckend mit seinen ganzen eleganten Satzgebilden und zahlreichen Fremdwörtern, Metaphern und Wortspielereien. Also eine Qual zu übersetzen.
Manche der Wörter kannte ich nicht mal im Deutschen, weil sie entweder sehr hochgestochen oder Schweizerdeutsch oder erfunden waren. Wie also übersetzt man so etwas? Ich habe den ganzen Tag damit verbracht, den Text Abschnitt für Abschnitt immer und immer wieder zu lesen, für manche deutschen Wörter je fünfzehn Übersetzungen nachzuschlagen, verschiedene Kombinationen auszuprobieren und mich schließlich für die treffendste zu entscheiden. Dabei habe ich sowohl meine Muttersprache als auch mein Englisch verbessert. Und ich habe verstanden, dass Übersetzen nicht bedeutet, den Text einfach Wort für Wort ins Englische zu verwandeln. Vielmehr bedeutet Übersetzen, einen Text, so wie er ist, in einer anderen Sprache neu zu schreiben. Denn obwohl der englische Text genau dasselbe sagt wie der deutsche, sind in meinen Augen zwei unterschiedliche Texte entstanden.
Am Ende des Tages hatte ich das durchdringende Gefühl, dass ich etwas geleistet habe. Ich war mit dem Resultat meiner Arbeit zufrieden. Und noch besser: Ich hatte Spaß. Das Suchen nach dem richtigen Wort, das Umschieben, das mehrmalige Lesen habe ich gerne gemacht. Und so habe ich nicht nur wieder einmal etwas Neues gelernt, sondern auch etwas kennengelernt, das mir Spaß macht. Wer weiß, welche Türen dies noch öffnen wird.
Sunita Sukhana

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: