Die Gedanken sind frei

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In der Literatur, sei sie nun trivial oder nobelpreisverdächtig, ist alles möglich. Alles! Denn das ist ja der große Vorteil der erfundenen Geschichte. Man tummelt sich sorglos in fremden Welten (mit und ohne Schwerkraft und Sauerstoffgerät), durchpflügt Jahrhunderte, die noch kommen oder kommen könnten oder längst vergangen sind, und man genießt ausgiebig die Gesellschaft von Kreaturen, bei deren Anblick man in der Realität wahlweise die Polizei, den örtlichen Exorzisten oder einen Zoo mit extra starken Käfigen anrufen würde.
Vampire, Zauberlehrlinge, Zeitreisen, alles kein Thema.
Wir reiten Drachen, treffen glitzernde Untote im nordamerikanischen Regenwald und rennen in einem englischen Bahnhof mutig mit dem Koffertrolley durch festes Mauerwerk. All das bekommt der Mainstream weltweit hin, ohne mit der getuschten Wimper zu zucken oder die sorgfältig ausrasierten Bartstreifen zu runzeln. Nicht ein einziges Mal habe ich das Argument gehört: „Ach, da geht es um Zauberlehrlinge? Das ist nichts für mich, die kommen in meinem Leben nicht vor.“
Also ist im Raum unter unserer Schädeldecke doch alles möglich und die Gedanken sind frei? Ja! Und interessanterweise nein! Denn es gibt ein paar freie Gedanken, bei denen der Mainstream vor der Backsteinwand steht, wie Muggles am Bahnsteig 9 3/4.
Nehmen wir einmal unsere gesamte Vorstellungskraft zusammen und erdenken Folgendes: Der gleiche Zufall, der entschieden hat, dass alle Zauberlehrlinge in Hogwarts heterosexuell sind, hat nun entschieden, dass sie es nicht sind. Keiner. Niemand. Und sie sind auch nicht Jungen und Mädchen, sondern dieses von uns frei erfundene Internat besuchen nur Mädchen. Weil vielleicht nur Mädchen Zauberinnen werden können oder weil … (hier fantasievollen Grund einsetzen). Und dann lassen wir unsere Vorstellung ruhen und folgen unseren jungen Hexen einfach sieben Bücher lang durch die gleichen Abenteuer, die ihre ebenfalls erdachten Vorbilder erlebt haben. Mit nur einem winzigen Unterschied (hier freie Gedanken wieder einschalten) – sie alle sind Lesben. Und sie interessieren sich in dem Maße für das eigene Geschlecht, wie es die weltberühmten Zauberer und Hexen tun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wenn man sich das alles vorgestellt hat, kann man sich auch direkt vorstellen, wo diese Bücher heute stehen würden: Bestsellertisch? Bestsellerliste? Auf der ewigen Verkaufsliste vor der Bibel? … Das kann man sich vorstellen, weil unsere Fantasie das möglich macht. In der Realität aber stünden sie wahrscheinlich in einem kleinen Seitenregal unter der Kategorie Selbsthilfe, Lesben, Erotik. Noch wahrscheinlicher würden sie in keiner größeren Buchhandlung stehen und nur in der Community bekannt sein … weil sie nämlich Lesbenliteratur wären.
Denn das ist das große Geheimnis der Lesbe im geschrieben Text. Sie hat die Kraft, jede Geschichte in eine nur noch für die „Betroffenen“ vorstellbare Welt zu verwandeln.
Abrakadabra: Lesbenliteratur!
Kommt die Lesbe nämlich in größerer Menge oder stark disproportional zu ihrem Erscheinen in der Realität vor, so schiebt sie jeden Roman in ihre eigene Kategorie. Kein Drache, keine Hexe, kein Vampir ist stark genug, um das zu verhindern.
Die Lesbe sticht immer!
Es scheint, als müsse die Lesbe immer wohldosiert sein, wie die Schwalbe. Eine Lesbe allein macht nämlich keine Lesbenliteratur. Im Krimi ist sie als Opfer schon immer gern gesehen, kann aber durchaus auch als Kommissarin den Mainstream erreichen. Allerdings darf die 1:10-Regel nicht verletzt werden. Eine lesbische Kommissarin mit lesbischen Kolleginnen, die unter Lesben ermittelt? Dosierung nicht beachtet! Ergo: Lesbenroman. Ergo: Mainstreamerfolg unwahrscheinlich.
Denn plötzlich legen die geneigten LeserInnen, die gerade noch mit einer unsterblichen Vampirsippe in abgelegenen Wäldern Werwölfe jagten, Wert auf Realität. So viele Lesben in einem Roman, das ist doch unwahrscheinlich!
Ja, das ist es. Aber so wahrscheinlich sind Werwölfe mit einer Allergie gegen Oberhemden ja nun auch nicht, oder?
Neulich habe ich auf einer Podiumsdiskussion eine Lesbe den Satz sagen hören: „Früher habe ich viele Lesbenromane gelesen, aber das war mir zu beschränkt, heute bin ich da weiter und lese nur noch heterosexuelle Literatur.“
Seitdem habe ich persönlich wieder Hoffnung, dass die Gedanken auch ihr letztes Gefängnis verlassen werden. Natürlich haben wir Lesben als Erste diesen Schritt gemacht, aber schon bald wird der heterosexuelle Mainstream folgen. Und auf die ewigen Geschichten mit ausschließlich Heterosexuellen oder behutsam eingesprenkelten Andersartigen verzichten wollen.
Vorstellen kann man sich das doch. Oder?
Anne Bax

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