Die 55. Bücherschau im Münchner Gasteig

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Wie jedes Jahr gab es natürlich wieder einige Highlights. Die gefragteste Veranstaltung war die der im Jahr 2009 ausgezeichneten Nobelpreisträgerin Herta Müller. Wegen der großen Nachfrage musste sie vom Literaturhaus in die Aula der Universität am Geschwister-Scholl-Platz verlegt werden. Dieser herrliche Raum fasst 800 Plätze, er war völlig ausverkauft.
Während immer noch Leute in die Aula strömten, kamen sie auf die Bühne: Herta Müller, klein (trotz hohem Blockabsatz), zierlich, wie üblich ganz in Schwarz, und Sigrid Löffler, einst Teilnehmerin der TV-Sendung Literarisches Quartett. Frenetischer Beifall. Mit wenigen Worten leitete Sigrid Löffler durch den Abend, während sich Herta Müller zur Freude der Zuhörer wortgreifend ausbreiten konnte. Als Erstes las sie aus ihrem neuen Buch Mein Vaterland war ein Apfelkern, in dem Angelika Klammer, die Herausgeberin, sensible Fragen an die Autorin stellt. Es sind Gespräche über ihre Kindheit, die Verfolgung durch den Geheimdienst, die Verhöre, die Deportation ihrer Mutter in ein Arbeitslager, die Gespräche mit Oskar Pastior, die zu ihrem Roman Atemschaukel führten.
Dann erzählte sie aus ihrem Leben, z.B. von ihrer Kindheit. Da glaubte sie, dass das Rot des Lippenstifts, überhaupt alles Rot, aus dem Blut der Flöhe gemacht wird. Mit zehn Jahren wähnte sie sich alt, sie meinte, schon alles erlebt und hinter sich zu haben. Sie lebte in einem deutschen Dorf in Rumänien. In den kleinen Dörfern war jede der Minderheiten für sich. Die Großeltern sprachen ungarisch, sprachen schlecht rumänisch. Die Deutschen hatten große Vorurteile gegen die Rumänen, sie fanden sie schmutzig und faul. Dann stellte das Kind fest, dass es bei denen sauberer war als bei ihm zu Hause. Großes Gelächter beim Publikum. Das Rumänische lag ihr näher als das Deutsche, man konnte Dinge ausdrücken, die im Deutschen nicht möglich sind, das Rumänische hat andere Bilder und eine andere Metaphorik. Maiglöckchen bedeutet in Rumänien z.B. „kleine Träne“.
Dank ihres Humors, den die Autorin trotz der düsteren Zeiten nicht verloren hat, gelang es ihr immer wieder, ihre Zuhörer zu erheitern. Man fragte sich, wie all das, was sie erleiden musste, für sie erträglich war. Selbst in Deutschland war sie Unterstellungen ausgesetzt, man glaubte, sie arbeite für den Bundesnachrichtendienst oder sie leiste Spitzelarbeit für die Securitate in Rumänien. Selbst nach der Nobelpreisverleihung hat man sie noch als Agentin verleumdet. Man beleidigte sie als Frau, bezeichnete sie als Prostituierte, immer wieder waren es erfundene Gründe, die diese Schikanen rechtfertigen sollten.
Sigrid Löffler wollte etwas über ihre eigenwilligen Wortbilder-Collagen wissen. „Die sind einfach zu mir gekommen, ich habe sie nicht gesucht. Sie kamen aus meinen Emotionen. Ich schneide ständig Wörter aus Zeitschriften und Zeitungen aus. Manchmal hängen sie mir zum Hals heraus, dann kehre ich sie zusammen und schmeiße sie weg. Wörter, die ich nicht ertragen kann, schneide ich nicht aus. Wenn ich bei den Wörtern hinten etwas weglasse, dann wird z.B. aus Landschaft Landschaf.“ Zum Schluss las die Nobelpreisträgerin noch einige Wortcollagen-Gedichte.
Renée Rauchalles

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