Der Schreibwettbewerb

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Über hundert Einsendungen sind für den Schreibwettbewerb eingegangen, den der konkursbuch Verlag parallel zum Erscheinen meines Buches Dirty Writing – Vom Schreiben schamloser Texte ausgeschrieben hatte. Ich bin in der Jury und darf gemeinsam mit Autorin Sophie Andresky, Verlegerin Claudia Gehrke, Journalist und Selbstpublishing-Autor Matthias Matting und Redakteurin Ulla Steuernagel die Siegertexte wählen. Ich stelle mir vor, wie die anderen Jurymitglieder ebenfalls mit leicht geröteten Wangen und vom Licht des Screens beschienen, in die Fantasien der AutorInnen hineinlesen.
Jedem Text ist ein Abecedarium vorangestellt. Für ein Abecedarium sammelt man zu jedem Buchstaben Stichwörter zu einem bestimmten Thema. In unserem Wettbewerb sollten es Wörter rund um Erotik, Verführung, Lust und Pornografie sein.
Schon diese Aufgabe wurde sehr unterschiedlich gelöst. Die einen verfassten ein Abecedarium, das sich wie eine eigene Geschichte liest. Die anderen sammelten gewissenhaft in einer Tabelle hunderte von Wörtern. Wieder andere suchten zu jedem Buchstaben einen Begriff. So verrät bereits die Wortsammlung, in welche Richtung der Text gehen wird, eher zu explizitem Treiben oder eher zu romantischem Liebessehnen. Vor allem genieße ich schon fast vergessene Reizwörter wie Feinstrumpfhose und Unterrock oder den Klang von Flutschen, Glitschen, Klatschen und Paddeln.
Ich versuche an den Begriffen im Vorfeld zu erraten, um was für sinnliche Erfahrungen es sich in der Geschichte handeln wird: BDSM, Fetischismus, Sex zwischen Männern, zwischen Frauen, zwischen Dreien, Vieren oder um eine ungewöhnliche Obsession?
Steht für A die Augenbinde, vermute ich, dass es im Text um eine Unterwerfung gehen könnte. Die Gerte, die Nippelklemme, die Unartigkeit verraten schon eindeutige Vorlieben. Das Abecedarium verrät nicht, wer devot sein wird und wer dominant, ob es überraschend erzählt sein wird oder berechenbar. Das erfahre ich erst aus dem nachfolgenden Text.
Interessant an den Geschichten ist, dass sich die gleiche Begebenheit – unbekannter Schöner, unbekannte Schöne treibt ErzählerIn in einen großartigen Orgasmus und verschwindet – oft wiederholt. Nur die Bühne wird dafür unterschiedlich ausgestattet, mal ist es am Baggersee, mal in den Bergen, mal in der Massagepraxis oder in der Tiefgarage. Danach scheinen sich viele zu sehnen.
Für mich ist es reizvoll, den Prozess von der Jury Seite aus kennenzulernen. Sonst war ich auf der Seite der Autoren, habe meine Geschichte eingereicht und bang auf die Juryentscheidung gewartet. Nun entscheide ich, welcher Beitrag in den Ordner für gute Texte abgelegt wird und welcher in den für misslungene. Es sind viele gute dabei, sodass ich fast dankbar bin, wenn ein Text für mich eindeutig nicht in Frage kommt, weil das Handwerk nicht stimmt oder ich schon im dritten Absatz den Faden verliere.
Am Ende des Lesemarathons liegt in beiden Ordnern ungefähr die gleiche Anzahl an Texten. Die guten lese ich also noch einmal. Durch das viele Lesen hat sich mein Gespür verfeinert und einzelne Texte wirken nach. So reduziere ich die Anzahl auf dreißig, unter denen ich jedoch nur vier als preiswürdig kennzeichne. Nun bin ich gespannt wie meine Jury-Kollegen entscheiden, denn am Ende des Auswahlprozesses müssen wir uns auf vier Preisträger geeinigt haben.
Ines Witka

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