Das Telefon klingelt nicht

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Acht Jahre hat unsere ehemalige Mitarbeiterin für den konkursbuch Verlag gearbeitet. Sie war Volontärin in Tübingen, später Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit von Berlin aus. Für uns schien sie „Bestandteil“ des Verlags. Auch den Blog hat sie miterfunden.
Ich bin „treu“ – im Alltag des Verlags. (Liebesbeziehungen wären ein eigener Beitrag.) Ich hänge an Strukturen und Kontinuität. Manche Autorinnen arbeiten auch über ihre eigenen Bücher hinausgehend im Verlag mit, Lektorat, Ideenaustausch, bis hin zu Buchentscheidungen. Eine Art „Wahlfamilienunternehmen“. Auch wenn ich das „Schiff“ bzw. eher kleine Boot des Verlags zuletzt dann doch alleinverantwortlich durch Abgründe und Höhenflüge steuere, fühle ich mich in dieser „Verlagsfamilie“ aufgehoben, sicher. Die ehemalige Mitarbeiterin gehörte in diesem Sinne zur Verlagsfamilie.
Es gab viele Veranstaltungen, nicht nur in Deutschland, sondern auch auf der Insel La Palma. Dort hat sie zweimal unsere zweisprachigen Lesungen mitbetreut. Zusammen auf La Palma zu sein war schon mehr als eine reine Arbeitsbeziehung, hatte was von Urlaub, inkl. Baden, Kochen, Scrabble-Abenden zu dritt mit Autorin Dagmar Fedderke, die Wörter wie „Heusexmesse“ legte. In einem kleinen Verlag, jedem kleinen Betrieb vermutlich, ist die Grenze zwischen „privat“ und „Arbeit“ manchmal geöffnet, auch wenn es gut ist, das trennen zu können. Die Mitarbeiterin hat im Hintergrund engagiert geholfen. Lust am Kommunizieren, mit AutorInnen, Love-Bites-KünstlerInnen, Veranstaltern zu arbeiten und zu reden, das hat sie sehr genossen und am Verlag geliebt, sie hat sich warmherzig um die Autorinnen gekümmert – aber sich noch länger und „mit Haut und Haaren“ auf Verlag einzulassen, das schien ihr nicht vorstellbar. Vor einem Jahr schon hatte sie Überlegungen zum Abschied. Daraufhin trafen wir uns mit zwei Autorinnen in Berlin und dachten gemeinsam ein neues Modell aus. Die Idee war, gleichzeitig für einen weiteren Verlag oder für Künstler Öffentlichkeitsarbeit zu machen; Synergien kleinerer Kulturschaffender sind sehr sinnvoll, statt immer nur alleine vor sich hin oder gar gegeneinander zu arbeiten.
Im letzten Jahr hatte sich aus ihrem Auslandspraktikum heraus eine Volontärin beworben, nach Bachelor-Abschluss sowie Praktika bei Zeitungen wollte sie nun in unserem Verlag ein Volontariat machen. Als ich ihre Bewerbung durchlas, war ich so angeregt und begeistert , auch davon, wie sie den Text ihrer Bewerbung formuliert hatte (z.B. schrieb sie, dass sie gerne liest, und zwar alles, vom Roman bis hin zu Gebrauchsanweisungen auf Shampooflaschen), dass mich kurz der Gedanke durchzuckte: wenn die – jetzt ehemalige – Mitarbeiterin letztes Jahr wirklich gegangen wäre, würde ich mit dieser Frau das Volontariat besetzen, beides – Volontariat und Mitarbeiterin – ist leider! für uns aus ökonomischen Gründen nicht möglich.
Ich dachte dann weiter: wenn sie wirklich vor einem Jahr gegangen wäre, dann wäre diese Bewerbung ja noch nicht angekommen gewesen. Und eine andere hätte das Volontariat begonnen.
Sunita Sukhana hätte sich also auf jeden Fall zum falschen Zeitpunkt beworben. Ich sagte ab.
Sie zog nach Tübingen und fragte nach, ob ein Praktikum möglich sei. Sie habe sich, da es mit Volontariat nicht klappte, entschlossen, anstelle dessen ein Masterstudium anzufangen, und hatte vor Beginn noch etwas Zeit. Sie machte dieses Praktikum (nachzulesen im Blogbeitrag „Schnupperpraktikum“).
Als die Exmitarbeiterin im Januar, kurz nach einem langen Telefonat, in dem nichts davon anklang, ihre Kündigung mailte, fiel ich aus allen Wolken. Hatten wir nicht letztes Jahr bei der Änderung des Arbeitsmodells auch besprochen, dass sie uns einbezieht in ihre Pläne, auch in Unbehagen, Wünsche nach Neuem? Aber das geht vielleicht nicht. Trennung geht wohl nur radikal, nicht nur in Liebesbeziehungen – auch in Arbeitsbeziehungen: per klassischer Kündigung.
Wie oft klebt man in Liebesbeziehungen, die nicht mehr gut sind für beide, oder für einen von beiden, nur aus Angst vor Veränderung. Das geänderte Modell der Zusammenarbeit vor einem Jahr war ein Aufschub des Unausweichlichen. Wer gehen will, den kann man nicht halten.
Vor ihr gab es andere Mitarbeiterinnen, an die dachte ich nun, um den Schock, die Trauer zu überwinden. Anja war ebenso lange dabei wie sie, Alexandra, Marion, Silvy, Ruth, Bettina und Sabine waren kürzer da – irgendwie war es doch immer weitergegangen.
Ich dachte daran, wie schon die beiden letzten Male, eine kleine Anzeige in die Online-Ausgabe des Börsenblattes zu setzen: beide Male gab es sehr viele Bewerberinnen. Zuerst aber mailte ich an Sunita: Schade, dass es jetzt zu spät sei, denn jetzt wäre ein Volontariat möglich.
Die Exmitarbeiterin ist sehr kontaktfreudig. Sie schloss die Menschen, mit denen sie im Verlag zu tun hatte, schnell in ihr Herz, ob sie nur seit kurzer oder über längere Zeit mit ihnen zu tun hatte. Umgekehrt haben diese Menschen sie ins Herz geschlossen und werden sie vermissen. Die ersten Tage nach ihrem Weggang war es nahezu unheimlich still. Das Telefon schwieg. (Natürlich gab es die übliche Anzahl Anrufe, aber im Vergleich zu vorher war es grausam still – sie ruft nicht mehr an!)
Wir wünschen ihr viel Glück fürs andere, Neue, das sie machen möchte, was und wo auch immer das sein wird, sicher wird sie auch dort die Menschen in ihr Herz schließen. Und wir werden sicher in Kontakt bleiben, „Freunde“ bleiben, u.a. auf Facebook.
Sunita hat alles in Bewegung gesetzt, ihr Studium so umzustrukturieren, dass das Volontariat möglich wurde! So war der falsche Zeitpunkt, zu dem sie sich beworben hatte, doch der richtige. Willkommen! Jetzt ist es schon fast Alltag, dass Sunita mit uns arbeitet.
Claudia Gehrke

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