Das Tagenotizbuch

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Als ich klein war, schrieb ich mit Hingabe Tagebuch, eins nach dem anderen. Ein Tagebuch war damals ein richtig schönes Geschenk, über das ich mich sehr freute und das ich tunlichst in Ehren hielt. Zeitweilig notierte ich in der Tat täglich die Kümmernisse, Sorgen und schönen Erlebnisse meines Kinderlebens, zu besonderen Ereignissen komplettiert durch dilettantische, aber mit viel Eifer ausgeführte Zeichnungen. Unvergessen bleibt für mich nicht zuletzt dadurch der Besuch in der örtlichen Klein-Legebatterie, akribisch genau zum Beispiel skizzierte ich aus der Erinnerung die engen Käfigreihen und die federlosen Hälse der Hühner. Ja, damals war von Bio-Eiern noch lange nicht zu träumen, und auch, wenn der Bauer mittlerweile einen Hofbioladen eingerichtet hat und mit Bildern von glücklichen Hühnern auf dem großen Freilandgehege prunkt, bleibt mir seine Vergangenheit als Hühnerquäler doch unvergesslich. Immerhin ist sie für die Nachwelt festgehalten, komme was wolle. In meinem Tagebuch!
Tagebuch schreibe ich immer noch, wenn auch nicht mehr mit der eifrigen Disziplin wie einst, sondern eher sporadisch, phasenweise auch intensiv. In manchen Jahren finden sich nur wenige, fast verloren wirkende Einträge, in anderen schrieb ich mehrere Notizbücher aus DDR-Beständen hintereinander voll – meist immer noch mit Kümmernissen und Sorgen, aber gelegentlich auch mit schönen Erlebnissen.
Warum all das? Um mich meiner selbst zu vergewissern, zum einen. Zum andern, um mir so manchen Kummer von der Seele zu schreiben. Aber auch, um mich zu sortieren. Struktur zu schaffen, in meinen eigenen Gedanken.
Ich bin ein großer Fan von Struktur. Eigentlich glaube ich, dass meine Arbeit als Schriftstellerin genau darin besteht: Struktur zu erarbeiten, in sprachlicher wie inhaltlicher Hinsicht. Und diese Struktur dann neu zu komponieren, literarisch zu vertonen.
Im Laufe der Jahre aber hat mein Tagebuch Konkurrenz und Kollegen bekommen: zum privaten Tagebuch sind das Reisetagebuch und das Fünfjahrestagebuch gekommen, in dem ich in fünf kleinen Spalten untereinander die Fakten des Tages notiere; und als Konkurrenz hat sich das Notizbuch eingefunden, in dem ich Gedanken und Ideen notiere, die ich für meine Arbeit zu verwenden gedenke.
So weit, so gut. Wäre da nicht die Tatsache, dass ich private und berufliche Notizen zuweilen nur schlecht oder auch gar nicht auseinanderhalten kann. Und so vermischen sie sich in den einzelnen Büchern. Was mir ungemein missfällt. Ein Angriff auf meine Strukturen! Vielleicht ist es Zeit für eine neue Art Buch … für das Tagenotizbuch …
Karen-Susan Fessel

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