Das schöne Unerreichbare

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Neulich fand unsere erotische Lesung auf La Palma statt. Wir lasen aus vielen verschiedenen Büchern. Pointiert formulierte Erinnerungen an erste erotische Erfahrungen inkl. Pannen und Peinlichkeiten kamen besonders gut an – auch Poetisches und Nachdenkliches. Seltsam, dass nach der Lesung besonders die beiden Bücher gewünscht wurden, die ich nicht dabeihatte (statt der vielen, die dort waren). Das passiert manchmal: Bücher, von denen wir viele mitnehmen, bleiben liegen, begehrt sind die, die nur in wenigen Exemplaren oder gar nicht da sind. Vor längerer Zeit las Annette Berr ihre hintergründig „schmutzigen“ Liebes-Gedichte auf den „Love Bites“-Events. Alle wollten hinterher einen Gedichtband von Annette kaufen! Doch den gab es nicht. Sie wünschte sich schließlich (vor allem für diese Auftritte), dass wir ihre gesammelten Gedichte und Lieder verlegen. Doch als der Band „Ein Wimpernschlag, der Fallbeil ist“ endlich erschienen war, trat sie aus persönlichen Gründen so gut wie nicht mehr auf – ich konnte also kaum ausprobieren, ob vom Buch nach ihren Auftritten wirklich so viele hätten verkauft werden können, wie die Nachfrage nach dem nicht vorhandenen Buch suggeriert hatte.
Wieso richtet sich Begehren oft besonders stark auf etwas Unerreichbares?
Eine Bekannte zeigte mir im Sommer ein Foto eines Nests mit jungen Falken im Drachenbaum. Ich bat sie um das Bild für die erweiterte zweite Auflage des Reiseführers durch 12 Monate „Geheimnisse der Insel La Palma“. Sie wollte darüber nachdenken. Ich fragte mehrmals nach, sie schickte das Bild nicht, sagte aber auch nicht „nein“. Ich verzögerte die Drucklegung, bis es fast keine Exemplare der ersten Auflage mehr gab. Dachte nur noch an dieses eine Bild. Absurd! Es gibt viele schöne Bilder von Pflanzen, Tieren und Landschaften im Buch. Wieso war ich so besessen von diesem einen Foto, das mir verweigert wurde?
Ist Begehren umso stärker, wenn es nicht leicht „zum Ziel“ kommt? Wenn Widerstände überwunden werden müssen?
Manche bleiben beim Träumen bzw. verlieben sich nur in wirklich unerreichbare Menschen – als fürchteten, ahnten sie, dass die Realisierung weniger schön ist als die Fantasie. Beim realen Zusammenkommen kann die/der andere schnell entzaubert werden.
Besonders zu Beginn des Liebeslebens wünschen wir uns Unerreichbares. Den Traumprinzen, die Traumprinzessin. Die vielen unglücklichen Schwärmereien in der Pubertät!
Eine Freundin erzählte mir heute beim Essen, dass sie als Kind nach Klassenarbeiten, bei denen ihr klar war, dass sie sie verpatzt hatte, in Gebeten inständig um eine trotzdem gute Note bat. Was sich nie erfüllte. In den bekannten Märchen um die drei Wünsche passiert auch nichts Gutes, wenn sich die Protagonisten zu viel bzw. Unrealisierbares wünschen. Manche (eher ältere) Menschen sagen auf Nachfrage, dass sie keine Wünsche haben bzw. sie sich die Erfüllung ihrer Wünsche in kleinen Schritten nach und nach erarbeitet haben, andere hoffen immer auf etwas, das nie eintritt –
doch ohne die Sehnsucht nach unmöglich Erscheinendem würde sich vielleicht nichts bewegen.
Auch ich versuche immer wieder, unmöglich Erscheinendes zu realisieren (sonst gäbe es den Verlag vielleicht gar nicht), aber wünsche mir manchmal rückwirkend etwas. Und das ist ja wirklich unmöglich. Gerade wieder. Ich stellte mir traumhafte Verkäufe zu Weihnachten vor und gab darum unseren schönen Interviewband „Lange Lieben“ in Druck, damit das Buch Anfang Dezember knapp noch rechtzeitig für das sogenannte Weihnachtsgeschäft erscheinen kann. Jetzt denke ich: „hätten“ wir es doch noch einmal mehr korrekturgelesen und später abgegeben. Im Weihnachtsgeschäft gehen wir kleinen Verlage doch sowieso unter und so weiter – obwohl ich heimlich weiterträume: „Lange Lieben“ ist auf jeden Fall ein schönes Buch. (In allen, auch den Büchern aus anderen Verlagen, sehe ich in den fertig gedruckten Exemplaren kleine Trennungs- oder Schreibfehler. Es gibt einen speziellen Blick von Büchermenschen, den „normale“ Leser vielleicht gar nicht haben.)
Im gleichen Moment denke ich, das Wort „hätte“ ist überflüssig. Denn ich kann ja in der Vergangenheit nichts mehr ändern. Autorin Yoko Tawada klärte mich darüber auf, dass „hätte“ keinesfalls überflüssig sei: Denn wer realisiert, dass er in der Vergangenheit etwas anders hätte machen können, kann das in der Zukunft, beim nächsten Mal, berücksichtigen.
Claudia Gehrke

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