Das erste Mal

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Krista Beinstein feiert ein rundes Jubiläum und wünschte sich ein neues Fotobuch, ihr zehntes. Vorfinanzieren hoher Produktionskosten bei unsicheren Verkaufschancen ist zurzeit nicht möglich, und für Beinsteins provokant erotisch-groteske Schwarzweiß-Fotokunst ist es nicht leicht, genügend LiebhaberInnen zu finden. Die Fotografin wollte Vorbestellungen sammeln. Es kamen sehr wenige. Die Arbeit fürs Crowdfunding liegt ihr nicht, mir auch nicht (Gratulation an Anja Müller, der das für ihr „Paare“-Fotobuch gelungen war!). Der Termin für die Buchpremiere im schwulen Museum stand vor der Tür. Eine Buchpremiere ohne Buch?
Krista wünschte sich Hardcover und hochglänzendes Papier, tiefschwarz und kontrastreich gedruckt. Im Offsetbogendruck mit seinen großen Maschinen müssten aber mindestens 1000 Exemplare gedruckt werden, damit der Einzelstückpreis nicht zu hoch wird. Ein Fotobuch im Digitaldruck konnte ich mir bisher nicht vorstellen. Doch jetzt fragte ich eine Druckerei an, die Nachdrucke literarischer Titel in Kleinauflagen für uns gedruckt hatte. Sie kalkulierten und waren sich zugleich unsicher, ob nur Schwarzdruck digital gelingen würde. (Das digitale Druckverfahren muss man sich ähnlich vorstellen wie direkt vom Computer aus einzelne Seiten mit einem Laserdrucker o.Ä. zu drucken.) Uns wurden Probedrucke geschickt. Sie sahen erschreckend flau aus. Die Druckereimitarbeiterin schlug vor, das Schwarz vierfarbig zu drucken. Das wäre aber fast viermal so teuer, unbezahlbar, dann hätte ich auch gleich 1000 Exemplare Offset … Ich probierte einige Blätter an unserem Tintenstrahldrucker im Graustufendruck (Schwarzpatrone ging dabei aus) – es sah viel schwärzer aus als der Probedruck aus der Druckerei. Die netten Druckereimitarbeiterinnen ließen sich anstacheln und fanden schließlich heraus, wie sie doch ein gutes Schwarz hinbekommen konnten. Bindung als Hardcover war zu teuer, es kam nur ein Umschlag mit Klappen in Frage. Ich richtete also das Layout ein und gab mein erstes Mal ein digitales Fotobuch in Auftrag. Der Buchrücken erschien mir erschreckend dünn, aber sie bedrucken kein stärkeres Hochglanzpapier. Ich fragte Krista, ob sie deshalb weniger glänzendes, dafür etwas stärkeres Papier und dickeren Buchrücken wolle. Sie wünschte sich weiterhin Hochglanz.
Die Produktion begann. Dann rief die Druckereimitarbeiterin an: Die Maschine für das Format, in der ein Umschlag mit Klappen gedruckt werden könne, müsse repariert werden – daher wären die Bücher nicht zum Termin zu schaffen. Also doch Buchpremiere ohne Buch?
Sie banden 30 ohne Klappe, die pünktlich im schwulen Museum ankamen.
Hannes vom schwulen Museum rief uns an und klagte: Die Bilder in den Hochglanzbüchern wären teilweise wie zerkratzt. Die Druckerei, für die es offensichtlich auch das erste Mal war, dass sie ein großformatiges Fotobuch in Schwarzweiß produzierte, erklärte nun, dass wegen des Hochglanzes Maschinenspuren zu sehen sein könnten.
Die netten Druckereimitarbeiterinnen boten an, das Buch für den Rest der Auflage noch einmal zu drucken – auf matterem Offsetpapier, da käme das Schwarz auch gut, und man würde die Maschinenspuren nicht sehen, und auch der Rücken wäre dicker. Wie dick, dazu gab es unterschiedliche Versionen.
Die Klappen machten weitere Probleme, denn es war das erste Mal, dass sie ein so großes Papierformat druckten. Lauter erste Male. Doch sie schafften schließlich auch das. Nun gibt es also 30 Bücher Hochglanz mit Kratzern und 70 Bücher mit Klappen und weniger Kratzern.
Am Abend der Buchpremiere wurde kein Buch verkauft. Es wäre etwas für Liebhaber und Sammler. Eine Sonderauflage von 30 Exemplaren mit Spuren. (Übrigens bearbeitet die Künstlerin ihre Bilder manchmal auch selbst so, dass sie nahezu historisch zerkratzt aussehen – mit eingeritzten Spuren der Zeit.) Die Veranstaltung kam gut an, Torsten Flüh berichtete in seinem Night Out @ Berlin-Blog angetan von an die Wand geworfenen Bildern, deren Wirkung sich zusammen mit der Musik entfaltete.
Alle ersten Male bergen die Gefahr von Pannen. Das erste Mal Sex mit jemand, in die oder den man stark verliebt ist. Man möchte besonders schön sein und hat dann strähnige Haare wie selten oder berührt die anderen ungeschickt. Oder beim ersten Romanversuch. Oder beim ersten Mal als Verlegerin eines kleinen Verlags (die eigentlich noch immer persönlich auswählt und entscheidet), Lektüre und Lektorat eines Romans vollständig an eine (engagierte und den Text schätzende) Lektoratsdebütantin zu delegieren – um dann kurz vor Drucklegung mit Bauchschmerzen dem Ganzen gegenüberzustehen.
Vielleicht sollte ich dennoch weitere erste Male wagen. Zum Beispiel das Beinsteinfotobuch als echtes „digitales Produkt“ mit bewegten Bildern und Musik auf dem Bildschirm.
Claudia Gehrke

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