CSD Stuttgart

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Warum gehen Sie auf den CSD? Weil Sie politisch, neugierig, fanatisch, begeistert, vergnügungssüchtig sind? Ich gehe hin mit der Aussicht, Leute zu treffen, denen ich jedes Jahr nur hier begegne – das ist so sicher wie der CSD, der immerhin schon seit 35 Jahren in Stuttgart stattfindet. So lerne ich neue Leute kennen und bekomme das Gefühl, dass die Community, meine persönliche Community, wächst wie die Zuschauerzahlen jedes Jahr. 220.000 waren es diesmal.
Und die (mit der „Sache“ assoziierte) Abkürzung wächst auch. Ich muss neue Vokabeln lernen. Es geht nicht mehr nur um die Rechte der Lesben und Schwulen, in Stuttgart geht es um die Rechte für LSBTTIQ (lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell-queer).
Erzkonservative Arbeitgeber bekennen sich zum ersten Mal zur Vielfalt: Daimler mit dem größten LKW, der durch die Straßen manövrieren kann, und fünfzig Mitarbeitern, die viel Spaß haben, und genauso viele Gummibärchen. (Ich weiß das so genau, weil ich eine Daimlermitarbeiterin kennenlernte, die Frau einer Arbeitskollegin einer Bekannten, und sie mir erzählte, dass aus hundert Bewerbern fünfzig ausgewählt wurden.) Zum ersten Mal zeigen sich Mitarbeiter der Stadt Stuttgart in großer Zahl, und auch die Firma Bosch hisst die Regenbogenflagge. Lehrer und Lehrerinnen so zahlreich wie noch nie und insgesamt bekomme ich den Eindruck, es geht in Stuttgart mehr um Politik als um Darkrooms und Schaumpartys.
Am Ende habe ich es eilig, will weitere Leute treffen, die auf der anderen Straßenseite zu sehen sind, dränge mich zwischen den Zuschauern durch, flitze über die Straße hinter einem Mann-Frau-Paar her, das sich an den Händen hält (ja, heute müssen die Heteros demonstrieren, dass sie nicht dazugehören. Selten sieht man so viele, die sich zueinander bekennen), und muss vor einer Mauer aus Frauenkörpern stoppen. Die Fußgruppe mit Plakaten „Wir machen Aufruhr“ und „Stuttgart weltoffen und vielfältig“ ist vorbeigezogen, und die nächste naht, ich muss von der Straße runter! Doch mit verkniffenem Gesicht schauen die beiden Frauen knapp an mir vorbei, dabei haben sie sehr wohl gemerkt, dass ich da entlang will. Aber sie breiten die Ellenbogen noch ein bisschen weiter aus, machen sich steif und rücken keinen Zentimeter zur Seite. Ich halte dagegen. Schließlich sagt eine der Frauen: „Lass sie durch, sie hat eine Regenbogenkette.“ Da öffnet sich die Mauer, und ich darf durchwitschen. Manche Abkürzungen muss frau sich hart erkämpfen!
Elke Weigel

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