Bestseller „richtiges“ Buch

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Täglich fahre ich mit der Münchner U- und S-Bahn. Weil man dabei zwar vielen Menschen sehr nahe kommt, aber trotzdem seine Ruhe haben will, vermeidet man so gut es geht Blickkontakt. Die inzwischen am meisten verbreitete Form, dies zu tun, ist, in sein Handy zu schauen. Da findet sich immer etwas, womit man sich ablenken kann, wenn vielleicht auch die meisten Menschen gar nicht wirklich wahrnehmen, was ihnen vor Augen kommt. So zumindest wirkt es, wenn man sieht, wie die Finger zügig scrollen und wischen, wenn sie bei keinem Bild oder Text auf dem kleinen Bildschirm länger verweilen, sondern einfach weiterblättern.
Neben den von mir geschätzten rund 98 Prozent Handy-Anschauern gibt es in den Münchner Bahnen noch die eBook-Leser. Ich behaupte mal, sie machen 1,5 Prozent aus. Ja, und dann ist da noch eine ganz kleine Restgruppe von höchstens 0,5 Prozent, die tatsächlich noch in ein richtiges Buch schaut, ja, eins aus Papier und Pappe. Da fragt man sich natürlich auch als Buchautorin, ob ein gedrucktes Buch überhaupt noch das ist, was man produzieren sollte. Sind nicht kurze U-Bahn-taugliche Texte im Internet, ja eben in einem Blog wie hier, das Sinnvollste, was man veröffentlichen kann? Jetzt allerdings hat mir die Aussage der Bibliotheksleiterin von Grünwald bei München, Gabriele Oswald, die aus Anlass des 90. Geburtstages der Bücherei interviewt wurde, Hoffnung gemacht. „Unser Bestseller ist immer noch das Buch“, hat sie gesagt, und das, obwohl ihre Einrichtung über viele moderne Medien verfügt. Und sie hat noch eine nette Anekdote erzählt, die auch im Hinblick auf die Zukunft gut klingt: Sie habe eine Mutter beobachtet, die ihrem Kind den eBook-Reader schmackhaft machen wollte. Das Kind aber habe die Mutter unterbrochen mit den Worten: „Mama, wollen wir nicht einfach ein richtiges Buch nehmen?“
Claudia Wessel

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