Bergmannstraße

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Ein Donnerstag im November. Ich fuhr zum Verlagstreffen im Café Kaffee am Meer in der Kreuzberger Bergmannstraße. In dieser Straße, und dann noch um die Mittagszeit, einen Parkplatz zu finden zu glauben, ist naiv. Ich entdeckte einen. Er befand sich zwischen einem neben geparkten Autos stehenden Lastwagen, dessen Fahrer im Begriff war, die Ladefläche auszufahren, und einem dicken Pkw. Ziemlich frech, wie ich nun mal sein kann, stellte ich meinen Twingo neben den Pkw, in den Schatten des Lasters, stieg aus und fragte dessen Fahrer, ob es nicht möglich sei, diesen freien Parkplatz zu besetzen. Aber ’ne Dreiviertelstunde mindestens kommen Sie dann nicht mehr an Ihr Auto ran!, war die relativ zustimmende Antwort des Mannes. Kein Problem, entgegnete ich, stieg ein, startete, fuhr neben den Lastwagen und machte Anstalten einzuparken. Den in der zweiten Reihe parkenden Laster hatte ich im richtigen Winkel rückwärts zu umfahren, um in die Parklücke zu gelangen. Da fiel mir der Spruch eines Freundes ein, den dieser mal beim Einparken von sich gegeben hatte: Es gibt Momente, da hört die Potenz auf, und die Physik fängt an. Oder, das darf ich nun seit jenem Donnerstagmittag ergänzen: Oder die Menschlichkeit. Am Straßenrand stand nämlich ein dicker Mann, der die Situation beobachtete. Der fing an, mein Manöver zu dirigieren. Er winkte, verdrehte die Arme, gab mir mit aufgestellten Händen Stopp!-Signale, übrigens noch unterstützt von dem attraktiven Lastwagenfahrer, dass mir das Herz in meinen lenkenden Händen hüpfte. Geschafft! Schwitzend stieg ich aus, bedankte mich beim lächelnden Fahrer und ging dann zu dem dicken Mann, stellte mich vor ihn und sagte: Danke. Ich tu’s nicht, aber ich würde Sie jetzt am liebsten umarmen.
Ich komm gerade vom Zahnarzt, sagte der Mann zu mir. Es hörte sich an wie eine Entschuldigung dafür, dass er so nett gewesen war.
Sigrun Casper

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