Beim Tippen darf ich mich nicht sehen lassen

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Es hilft ja nichts. Ich muss es gestehen: Ich bin fast fünfzig. Gut, diese – zumindest für mich – erschütternde Tatsache trägt mir, wenn ich sie offenbare, dank meines jugendlich-frischen Aussehens (kaum Falten, kaum graue Haare, nicht mal ein Hauch von Haupthaarverlust) Komplimente ein. Zugleich ist die Faltenfreiheit aber auch ein Fluch. Zum Beispiel wenn ich mir beim Tippen zuschauen lasse.
Da würde man nämlich, sähe ich betagt bis abgetakelt aus, sagen: Na ja, der Opa hat’s halt schwer in der heutigen Zeit.
Weil ich aber locker noch als Enddreißiger durchgehe, heißt es eher: Vermutlich hat er andere Qualitäten … zum Beispiel handwerkliche … Schreiben ist jedenfalls nicht „seins“.
Dabei ist mein Makel wirklich der Ungnade der frühen Geburt geschuldet: Als ich ein kleiner Junge war, in den Siebzigern, drängte ich schon weit vor dem Erreichen der Pubertät darauf, in den Besitz einer Schreibmaschine zu gelangen. Mein größter Jugendtraum, auch Jahre später noch, war nicht ein fahrbarer Untersatz oder eine elektrische Gitarre, sondern eine elektrische Schreibmaschine. Aber so dicke hatten wir es zu Hause nicht, und so gab es statt einer Gabriele eine Erika.
Das gute, schon seinerzeit antiquarisch erworbene Stück besitze ich noch heute, und sein Wert wächst nicht nur wegen der soliden Verarbeitung aus Metall und Emaille, sondern auch, weil sie garantiert geheimdienstsicher ist – zumindest bei Benutzung eines Farbbandes aus Stoff. Nur: Schreiben Sie mal auf so einer schweren, robusten, rein mechanischen Reiseschreibmaschine aus den Fünfzigern mit zehn Fingern!
Schnell werden Sie vor allem den Umstand zu hassen lernen, dass das „A“ ein im Deutschen relativ häufig vorkommender Buchstabe ist. Und dann die vermaledeiten Umlaute, Bindestriche und Großbuchstaben! All diese Tasten werden nämlich im ordentlichen Zehn-Finger-Tippsystem mit den kleinen Fingern betätigt. Auf einer elektrischen Schreibmaschine oder heute einer Computertastatur kein Problem – aber auf einer Erika? Für einen Zehnjährigen!
Also hat das Kind den sinnvollsten Weg gewählt, nämlich nur die schlagkräftigsten Finger einzusetzen. Und so tippe ich bis heute fast nur mit beiden Zeigefingern – was mir gern mitleidige Blicke einträgt und mich zu ungefragten Erklärungen veranlasst, dass ich trotz dieses Verhaltens kein Digitaldepp bin.
Und nebenher – ich habe es mal gestoppt, um zu überprüfen, wie sehr ich mich schämen muss –, nach fast vierzig Jahren Übung bin ich mit zwei Fingern ebenso schnell wie andere mit zehn. Was allerdings nur eine Rolle spielt, wenn ich tippsenmäßig etwas abtippe. Erdenke ich einen Text selbst – wie diesen –, nutzt es mir ja nichts, wenn meine Finger schneller sein könnten als mein Kopf.
Jan Gympel

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